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So groß die Differenzen zwischen Donald Trump und Angela Merkel sein mögen, im "Krieg gegen den Terror" bleiben sie Verbündete. Deutschlands Beitrag zu den Militärmissionen gegen den "Islamischen Staat" beschränkt sich zwar auf Tornado-Aufklärungsflüge und Waffen für die kurdischen Peschmerga. Doch wenn die US-geführte Global Coalition ihren Luftkrieg eskaliert, dann geschieht das auch in deutschem Namen.

1. Die Taktik der neuen Brutalität

Das gilt bis auf Weiteres ebenso für Donald Trumps Strategie im "war on terror". Wobei "Strategie" das falsche Wort ist. Washington setzt seit Amtsantritt des Republikaners vor allem auf mehr Bomben, mehr Drohnen, mehr Raketen. Allerdings nicht gegen den Urheber des größten Terrors gegen Zivilisten, gegen das syrische Regime, das vergangenen Dienstag, wie es aussieht, erneut einen Giftgasangriff verübt hat. Sondern gegen den "Islamischen Staat" und gegen Al-Kaida – und mit einem immer höheren Preis für die Zivilbevölkerung. Wohin das führt, sieht man derzeit in Syrien und im Irak – und am dramatischsten im Jemen. Die Taktik der "neuen Brutalität", wie der britisch-pakistanische Autor Ahmed Rashid sie nennt, befördert genau das, was sie zu bekämpfen vorgibt, den militanten islamistischen Terror.

Zahlreiche Luftangriffe im Irak und in Syrien lassen die Zahl der zivilen Opfer in die Höhe schnellen. Am 20. März töteten Bomberpiloten der US-geführten Koalition nahe Rakka über 30 Flüchtlinge. Wenige Tage zuvor, am 17. März, starben Schätzungen zufolge bis zu 200 Zivilisten in West-Mossul nach einem US-Luftangriff in ihrem kollabierenden Wohnblock. Am selben Tag meldete das Pentagon einen "erfolgreichen Einsatz" gegen hochrangige Al-Kaida-Mitglieder in dem nordsyrischen Dorf Al-Jina. "Ein Massaker", widersprach die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Raketen hatten offenbar eine Moschee getroffen, in der sich Bewohner zum Gebet versammelt hatten.

2. Zivile Opfer werden in Kauf genommen

Die US-geführte Koalition tötet im "Krieg gegen den Terror" derzeit mehr Zivilisten als die russische Luftwaffe bei ihrem Versuch, das Assad-Regime an der Macht zu halten. Nun sind zwar die Offensiven auf Mossul und Rakka nicht gleichzusetzen mit der gezielten Zerstörung Ost-Aleppos, wo Moskau und Damaskus Schulen, Krankenhäuser und Märkte angreifen ließen – Terror gegen eine oppositionelle Zivilbevölkerung und also klare Kriegsverbrechen. Die US-geführte Koalition will hingegen zivile Opfer vermeiden, aber in Mossul wird das auch deswegen immer schwieriger, weil der IS Bewohner als menschliche Schutzschilde missbraucht. Und so warf Amnesty International vergangene Woche Washington, Bagdad und ihren Verbündeten vor, beim Vorrücken auf West-Mossul "in eklatanter Missachtung des humanitären Völkerrechts" keine ausreichenden Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung getroffen zu haben. Die Koalition hatte die Bewohner in Flugblättern aufgefordert, während der Offensive in ihren Häusern zu bleiben. Durch die massiven Luft- und Artillerieangriffe werden diese für viele Menschen zu einer tödlichen Falle.

Bislang hat keiner der über 60 Mitgliedsstaaten der globalen Anti-IS-Koalition Einspruch gegen eine Strategie erhoben, die Kampfbomber gegen Scharfschützen und massive Artillerie in dicht besiedelten Gebieten einsetzt. Woraus man schließen muss, dass die zivilen Opfer als "Kollateralschaden" für das übergeordnete Ziel in Kauf genommen werden: die Zerschlagung des IS.

3. Der IS nutzt die Eskalation

Der IS wird nicht verschwinden, auch wenn er Mossul, Rakka und damit sein "Kalifat" verlieren sollte. Im Irak ist er bereits zu seiner alten Guerilla-Strategie von Hit-and-Run-Attacken im ganzen Land zurückgekehrt. Seine Strategen warten in den Wüstengebieten des Landes darauf, dass eine möglichst hohe Zahl ziviler Opfer in Mossul die Sehnsucht der Bewohner nach der Befreiung mit immer mehr Wut auf die Befreier mischt. Und dass deren Bündnis nach der Rückeroberung der Stadt wieder in verfeindete Fraktionen zerfällt – schiitische Milizen, sunnitische Stämme, kurdische Peschmerga, PKK-Kämpfer, konkurrierende Polizei- und Militäreinheiten. Jeweils unterstützt von ihren ausländischen Sponsoren Iran, Türkei, Saudi-Arabien und ausgerüstet mit Arsenalen, die sie von westlichen Staaten, auch Deutschland, im Kampf gegen den IS erhalten hatten.