DIE ZEIT: Vor wenigen Tagen wurde die Leiche des vermissten HSV-Managers Timo Kraus in der Elbe gefunden. Damit endet eine Zeit des quälenden Wartens. So schlimm es klingt: Liegt Erleichterung in der Gewissheit?

Ulla Engelhardt: Die Nachricht vom Tod kann als Erleichterung wahrgenommen werden. Aber die Phase nach der Zeit der Ungewissheit ist nicht weniger schlimm. In der Ungewissheit liegt immer auch dieser Funke von Hoffnung. Das bleibt bis zum Schluss, egal wie unwahrscheinlich ein guter Ausgang ist. Ist die Hoffnung dann plötzlich weg, muss man sich komplett neu orientieren. Dann wird immer klarer: Der Vermisste kommt nie wieder.

ZEIT: Die Frau des HSV-Managers äußert Zweifel am Unfalltod ihres Mannes. Ist das eine typische Reaktion?

Engelhardt: Es ist oft so, dass Angehörige nicht wahrhaben wollen, dass jemand tot ist. Wenn der Tod sich zudem auf dramatische und unerwartete Weise ereignet, ist es unendlich schwer, das anzunehmen. In dem Moment, in dem jemand anderes Schuld haben könnte, lassen sich die Gefühle in eine Richtung leiten, man kann sie kanalisieren. So kommt man weg von der eigenen Trauer.

ZEIT: In der Schuldzuweisung liegt Trost?

Engelhardt: Sie erspart einem nichts von der Trauer oder dem Weg, den man als Familie vor sich hat. Einen Schuldigen zu haben kann ein Ventil sein für das Unbegreifliche und die Wut. Es ist eine scheinbare Möglichkeit, eine Antwort auf die Warum-Frage zu bekommen, in der Hoffnung, dass es einem damit besser geht. Trauer hat jedoch mit mir und meinen Gefühlen zu tun. Wenn ich in Gedanken die ganze Zeit mit jemand anderem beschäftigt bin, weil der ja schuldig sein könnte, wird das nicht weiterhelfen.

ZEIT: Über die Suche nach Timo Kraus wurde in den vergangenen Wochen überall berichtet. Welchen Einfluss hat die mediale Präsenz eines Falls auf die Trauer der Angehörigen?

Engelhardt: Aus Sicht der Ehefrau: Fremde Leute diskutieren über den Tod meines Mannes. Es wird eine Realität erschaffen, die nicht ihre ist. Trauernde sind seelisch wund, sie sind schwer verletzt. Genau in diesem Moment wird man der Öffentlichkeit ausgesetzt.

ZEIT: Verschiebt die unausgesetzte Berichterstattung nicht vor allem das Unausweichliche: sich mit dem Tod auseinandersetzen zu müssen?

Engelhardt: Stellen Sie sich vor, Sie trainieren mit Gewichten. Wenn Sie sofort 150 Kilo stemmen wollen, dann brechen Sie darunter zusammen. Wenn Sie aber mit kleinen Gewichten anfangen, Ihre Muskeln aufbauen, haben Sie Erfolg. Übertragen auf den Fall des HSV-Managers bedeutet das: sich langsam darauf einzulassen, dass das schlimmste Szenario Wirklichkeit werden kann. Wenn man bis zuletzt hofft, bleibt man zwar nicht verschont von der Katastrophe. Aber die Hoffnung nimmt etwas von der Wucht der Plötzlichkeit.

ZEIT: In einem zweiten Todesfall, über den in Hamburg zuletzt viel gesprochen wurde, gab es keine Zeit, sich aufs Schlimmste einzustellen. Der Jugendliche Victor E. wurde an der Alster erstochen, die Nachricht vom Tod kam für die Angehörigen ohne Vorwarnung.

Engelhardt: So eine Nachricht ist wie ein Tsunami, sie fegt erst mal alles weg. In diesen Fällen brauchen die Angehörigen Seelsorger und Psychologen an ihrer Seite, die sich um sie kümmern. Das ist eine Situation, in der es darum geht, zu überleben.

ZEIT: Was ist in dieser Situation entscheidend?