Als am Donnerstagmorgen das Mobiltelefon von Resul Özcelik klingelt, will er den Anruf erst nicht annehmen. Eine unterdrückte Nummer. Özcelik hat im letzten Jahr zu viele Drohanrufe erhalten, als "Landesverräter", "Bastard" und "ehrenloser Hund" wurde er beschimpft. Als er schließlich doch abnimmt, meldet sich ein Beamter des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen. Der warnt ihn: Özcelik stehe auf der Liste von angeblichen Extremisten, die der Chef des türkischen Geheimdiensts MIT am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz an den Bundesnachrichtendienst übergeben hat.

Das Dossier, eine bunte Hochglanzbroschüre mit 70 Seiten, wurde auf Deutsch und Englisch überreicht. Auf dem Titel steht: Die Aktivitäten der Fetullahistischen Terrororganisation in Deutschland. Nach Recherchen der ZEIT werden etwa 300 Personen namentlich aufgeführt und in elf Kategorien unterteilt: unter anderem "Führende Verantwortliche", "Firmen", "Stiftungen", "Medien", "Schulen", "Heime", "Kulturzentren" und "NGOs", also Nichtregierungsorganisationen. Die Namen sind jeweils versehen mit Wohnort und Telefonnummern. Meist steht auch ein Foto daneben.

Für Resul Özcelik war es keine Überraschung, dass sein Name auf der Liste auftauchte. Seit 2013 kritisiert er öffentlich die Politik Erdoğans. Der dreifache Familienvater schreibt für das Deutsch Türkische Journal, ein Online-Medium, das der Gülen-Bewegung zugerechnet wird. Und er ist Gründer des Blogs Integrationsblogger. Dass er observiert wird, glaubt Özcelik nicht. Seine Handynummer und seine Privatadresse, die auf der Liste aufgeführt sind, stehen auch im Impressum seines Blogs. "Das war keine besondere Leistung des türkischen Geheimdienstes."

Nach seiner Rückkehr nach Berlin übergab BND-Chef Kahl das türkische Dossier seinem Amt mit der Aufforderung, es an das Bundesamt für Verfassungsschutz weiterzuleiten. Das Bundeskanzleramt informierte er darüber. Die Abteilungsleiter kamen dem Wunsch nach, ohne die Namenslisten anzuschauen. Darum fiel dem BND nicht auf, dass sich darunter auch der Name der SPD-Bundestagsabgeordneten Michelle Müntefering befand. Die Liste wurde wegen ihrer Brisanz Anfang März auf einer Sitzung des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrums (GETZ) besprochen.

Die Türken legten noch mal nach: Als die deutsche Innenstaatssekretärin Emily Haber Anfang März nach Ankara reiste, übergaben ihr Vertreter der türkischen Regierung ein weiteres Dossier. Darin fanden sich Berichte über vermeintliche Gülen-Anhänger, Angaben zu Vereinen, aber auch zu Personen in Deutschland, die die Türken des Terrorismus bezichtigten und die die Deutschen deshalb verfolgen sollten. Es handele sich mutmaßlich "um durch Ditib gesammeltes Material", heißt es in einem Geheimvermerk der deutschen Sicherheitsbehörden. "Beweismaterial" nennen die Türken es. Haber übergab das Dossier dem Bundeskriminalamt und dem Bundesamt für Verfassungsschutz.

Ein Wissenschaftler, ein Journalist aus NRW sowie zwei Mitglieder eines Bildungsvereins im Ruhrgebiet, fünf Menschen aus einem Kölner Dialogverein: Keiner von ihnen ist erstaunt, seinen Namen auf der ersten Liste wiederzufinden. Die Vorsitzende eines Berliner Vereins, der der Gülen-Bewegung nahesteht, gibt an, dass auf der Liste eine veraltete Privatadresse von ihr stehe. Und eine türkische Passnummer, obwohl sie schon lange keine türkische Staatsbürgerin mehr sei.

Auch zu Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung, Ansprechpartner der Gülen-Bewegung in Deutschland, finden sich auf der Liste nur Informationen aus dem Netz. Ebenso sollen sich darauf die Namen von Funktionären Gülen-naher Vereine befinden, die schon längst ihre Ämter aufgegeben haben. Karakoyun vermutet, dass das Dokument vor dem Putschversuch in der Türkei erstellt wurde. "Ich schätze, die Liste dürfte etwa zwei Jahre alt sein."

Die Landeskriminalämter warnen die Genannten nun davor, in die Türkei zu reisen oder konsularische Einrichtungen der Türkei in Deutschland zu betreten. Dort können türkische Staatsangehörige noch bis zum 9. April über das Verfassungsreferendum Erdoğans abstimmen.