Der Tod wankt, als Steve Horvath seine Uhr baut; er taumelt, als Tony Wyss-Coray Menschenblut in Mäuse spritzt. Wir schreiben das Jahr 2013, als die beiden Forscher der Vergänglichkeit die Stirn bieten – und niemand etwas davon bemerkt. Auch die zwei Wissenschaftler selbst ahnen da noch nichts von der Brisanz ihrer Forschungen.

2013, Vereinigte Staaten, University of California, Los Angeles, School of Medicine. Im Labor von Steve Horvath, einem gebürtigen Frankfurter, türmt sich ein Berg aus Arbeit. Genauer: aus 13.000 Gewebeproben von Blut, Haut, Muskeln und diversen Organen. Sie stammen von Tausenden Menschen unterschiedlichsten Alters. Jede einzelne Probe enthält Millionen Zellen, und die will Horvath vermessen. Er vermutet, dass sich in den Zellen ein Muster verbirgt. Sollte er es finden, und sollte es ihm gelingen, das Muster zu dechiffrieren, würde er entdecken, wonach die Wissenschaft seit Jahrhunderten vergeblich sucht: ein Chronometer von enormer Kostbarkeit, das die Lebenszeit des Menschen misst.

Es ist ein unerhörtes Vorhaben. Denn bislang gibt es keine Möglichkeit, das menschliche Alter unabhängig vom Kalender zu messen. Wir kennen zwar unseren Geburtstag und wissen um die durchschnittliche Lebenserwartung, die wir als Angehörige einer bestimmten Kohorte – abhängig etwa von Geschlecht, Erdregion oder sozialem Status – erhoffen können. Und es gibt Tests für unsere persönliche physische Leistungsfähigkeit. Aber das ist es nicht, was Horvath interessiert. Im Organismus selbst folgt die Zeit nämlich Regeln, die mit Monaten und Jahren nur bedingt zu tun haben. Wie alt unser Körper biologisch wirklich ist, kann niemand feststellen. Wie sollte der Mensch da jenes Phänomen gedanklich durchdringen, das er mehr fürchtet als alles andere: seine Vergänglichkeit?

2013, Stanford University, Kalifornien, Institut für Neurowissenschaften. Tony Wyss-Coray fasst einen Entschluss. Er und seine Kollegen ziehen Spritzen mit einer trüben Flüssigkeit auf und injizieren sie Mäusen. Die Nager sind sehr alt. Ihre Körper sind schwach, die Gehirne funktionieren miserabel, sie können kaum noch lernen. Doch nun werden sie Teil eines vermessenen Experiments. Die nächsten Tage vergehen mit bangem Warten. Auch bei diesem Versuch geht es um Menschen, um ihr Leben, ihr Dahingehen, ihren Tod. Wyss-Coray könnte eine Erkenntnis gewinnen, die alles verändern würde.

Mit diesen beiden Geschehnissen, mit diesen beiden Wissenschaftlern fängt es an. Die Vergänglichkeit aller Geschöpfe, diese letzte unbesiegbare Macht der Natur, gerät nach und nach unter die Kontrolle des Menschen. Und das größte Rätsel allen Lebens lüftet sich: Warum altert jede Kreatur unweigerlich, bis sie stirbt? Warum bleiben wir nicht ewig jung? Und könnten wir eines Tages das Altern umkehren oder zähmen?

Das ist eine Utopie.

Bis jetzt.

Schon im Mutterleib beginnt das Leben zu verrinnen, unmerklich, unerbittlich. Es erscheint uns ganz selbstverständlich, wie ein Naturgesetz. Nun aber wird erkennbar: So selbstverständlich ist es nicht. Die Lebensuhr ist – ebenso wie der Körper, in dem sie tickt – ein Ergebnis der Evolution. Und wie jede Uhr kann auch die Lebensuhr justiert, neu gestellt werden. Steve Horvath und Tony Wyss-Coray sind nur zwei von zahllosen Altersforschern. Aber es sind ihre Labore, in denen derzeit die erstaunlichsten Erkenntnisse in rasanter Abfolge gewonnen werden. Einige davon werden bereits verwendet, um Menschen gegen die Folgen des Alterns zu behandeln. Schlagzeilen und Erfolgsmeldungen gibt es noch nicht. Doch sie werden kommen. Und damit wird sich die große Frage auftun: Wie wird unser Leben aussehen, wenn wir uns dem Alter widersetzen?

2013, University of California, Los Angeles. In seinem Labor findet Steve Horvath, wonach er sucht: 353 spezielle Stellen im menschlichen Erbgut, an welchen die Genbausteine eine chemische Veränderung ihrer Molekülstruktur aufweisen können. Diese Orte dienen gleichsam als Markierungen im Erbgut und bilden ein auffälliges Profil. Lässt sich darin das biologische Alter ablesen? Horvath ist Genetiker und Biostatistiker, er ist ausgebildet in Mathematik und Informatik. Er kann dieses Muster leicht messen, es gibt Chips, die solche Markierungen zuverlässig auslesen. Doch es sind Hunderte Messpunkte, in 13.000 Gewebeproben. Die Chips werfen einen unermesslichen Schwall an Daten aus. Kein menschliches Gehirn könnte in diesem Wust ein Muster aufspüren. Daher setzt Horvath sich hin und entwirft ein Instrument: Es besteht aus einer Rechenvorschrift für die Computer, einem Algorithmus. Horvath’s Clock wird sie später heißen, "Horvaths Uhr".

Als er die Uhr ausprobiert, ist ihre Präzision ungeheuer. Geeicht anhand der 13.000 Proben, ermittelt sie nun das wahre Alter aller Individuen, deren Zellen und Gewebe mit ihr überprüft werden. Sie ist so genau, dass Horvath feststellen kann, wenn das biologische Alter nur um Monate vom Datum der Geburtsurkunde abweicht. Die Uhr funktioniert bei allen Menschen, in allen Geweben und allen Organen.

Zunächst will niemand etwas von dem merkwürdigen Zeitmesser wissen. Die Fachblätter lehnen Horvaths wissenschaftlichen Aufsatz dazu ab. Die Herausgeber sind misstrauisch. "Zu schön, um wahr zu sein", lautet ihre Begründung meist, erzählt Horvath. Als wieder einmal eine Ablehnung auf seinem Schreibtisch landet, hat er genug – und tut drei unüberlegte Dinge nacheinander. "Erstens, ich trank drei Flaschen kaltes Bier. Zweitens, ich schrieb eine E-Mail an den Herausgeber. Und Nummer drei: Ich schickte sie ab." Das ist in der Wissenschaft etwa so gewinnbringend wie Meckern beim Schiedsrichter im Fußballspiel – es funktioniert nie. Diesmal aber doch: Im Oktober 2013 veröffentlicht die Fachzeitschrift Genome Biology den Report des Deutschen.