Der Tod wankt, als Steve Horvath seine Uhr baut; er taumelt, als Tony Wyss-Coray Menschenblut in Mäuse spritzt. Wir schreiben das Jahr 2013, als die beiden Forscher der Vergänglichkeit die Stirn bieten – und niemand etwas davon bemerkt. Auch die zwei Wissenschaftler selbst ahnen da noch nichts von der Brisanz ihrer Forschungen.

2013, Vereinigte Staaten, University of California, Los Angeles, School of Medicine. Im Labor von Steve Horvath, einem gebürtigen Frankfurter, türmt sich ein Berg aus Arbeit. Genauer: aus 13.000 Gewebeproben von Blut, Haut, Muskeln und diversen Organen. Sie stammen von Tausenden Menschen unterschiedlichsten Alters. Jede einzelne Probe enthält Millionen Zellen, und die will Horvath vermessen. Er vermutet, dass sich in den Zellen ein Muster verbirgt. Sollte er es finden, und sollte es ihm gelingen, das Muster zu dechiffrieren, würde er entdecken, wonach die Wissenschaft seit Jahrhunderten vergeblich sucht: ein Chronometer von enormer Kostbarkeit, das die Lebenszeit des Menschen misst.

Es ist ein unerhörtes Vorhaben. Denn bislang gibt es keine Möglichkeit, das menschliche Alter unabhängig vom Kalender zu messen. Wir kennen zwar unseren Geburtstag und wissen um die durchschnittliche Lebenserwartung, die wir als Angehörige einer bestimmten Kohorte – abhängig etwa von Geschlecht, Erdregion oder sozialem Status – erhoffen können. Und es gibt Tests für unsere persönliche physische Leistungsfähigkeit. Aber das ist es nicht, was Horvath interessiert. Im Organismus selbst folgt die Zeit nämlich Regeln, die mit Monaten und Jahren nur bedingt zu tun haben. Wie alt unser Körper biologisch wirklich ist, kann niemand feststellen. Wie sollte der Mensch da jenes Phänomen gedanklich durchdringen, das er mehr fürchtet als alles andere: seine Vergänglichkeit?

2013, Stanford University, Kalifornien, Institut für Neurowissenschaften. Tony Wyss-Coray fasst einen Entschluss. Er und seine Kollegen ziehen Spritzen mit einer trüben Flüssigkeit auf und injizieren sie Mäusen. Die Nager sind sehr alt. Ihre Körper sind schwach, die Gehirne funktionieren miserabel, sie können kaum noch lernen. Doch nun werden sie Teil eines vermessenen Experiments. Die nächsten Tage vergehen mit bangem Warten. Auch bei diesem Versuch geht es um Menschen, um ihr Leben, ihr Dahingehen, ihren Tod. Wyss-Coray könnte eine Erkenntnis gewinnen, die alles verändern würde.

Mit diesen beiden Geschehnissen, mit diesen beiden Wissenschaftlern fängt es an. Die Vergänglichkeit aller Geschöpfe, diese letzte unbesiegbare Macht der Natur, gerät nach und nach unter die Kontrolle des Menschen. Und das größte Rätsel allen Lebens lüftet sich: Warum altert jede Kreatur unweigerlich, bis sie stirbt? Warum bleiben wir nicht ewig jung? Und könnten wir eines Tages das Altern umkehren oder zähmen?

Das ist eine Utopie.

Bis jetzt.

Schon im Mutterleib beginnt das Leben zu verrinnen, unmerklich, unerbittlich. Es erscheint uns ganz selbstverständlich, wie ein Naturgesetz. Nun aber wird erkennbar: So selbstverständlich ist es nicht. Die Lebensuhr ist – ebenso wie der Körper, in dem sie tickt – ein Ergebnis der Evolution. Und wie jede Uhr kann auch die Lebensuhr justiert, neu gestellt werden. Steve Horvath und Tony Wyss-Coray sind nur zwei von zahllosen Altersforschern. Aber es sind ihre Labore, in denen derzeit die erstaunlichsten Erkenntnisse in rasanter Abfolge gewonnen werden. Einige davon werden bereits verwendet, um Menschen gegen die Folgen des Alterns zu behandeln. Schlagzeilen und Erfolgsmeldungen gibt es noch nicht. Doch sie werden kommen. Und damit wird sich die große Frage auftun: Wie wird unser Leben aussehen, wenn wir uns dem Alter widersetzen?

2013, University of California, Los Angeles. In seinem Labor findet Steve Horvath, wonach er sucht: 353 spezielle Stellen im menschlichen Erbgut, an welchen die Genbausteine eine chemische Veränderung ihrer Molekülstruktur aufweisen können. Diese Orte dienen gleichsam als Markierungen im Erbgut und bilden ein auffälliges Profil. Lässt sich darin das biologische Alter ablesen? Horvath ist Genetiker und Biostatistiker, er ist ausgebildet in Mathematik und Informatik. Er kann dieses Muster leicht messen, es gibt Chips, die solche Markierungen zuverlässig auslesen. Doch es sind Hunderte Messpunkte, in 13.000 Gewebeproben. Die Chips werfen einen unermesslichen Schwall an Daten aus. Kein menschliches Gehirn könnte in diesem Wust ein Muster aufspüren. Daher setzt Horvath sich hin und entwirft ein Instrument: Es besteht aus einer Rechenvorschrift für die Computer, einem Algorithmus. Horvath’s Clock wird sie später heißen, "Horvaths Uhr".

Als er die Uhr ausprobiert, ist ihre Präzision ungeheuer. Geeicht anhand der 13.000 Proben, ermittelt sie nun das wahre Alter aller Individuen, deren Zellen und Gewebe mit ihr überprüft werden. Sie ist so genau, dass Horvath feststellen kann, wenn das biologische Alter nur um Monate vom Datum der Geburtsurkunde abweicht. Die Uhr funktioniert bei allen Menschen, in allen Geweben und allen Organen.

Zunächst will niemand etwas von dem merkwürdigen Zeitmesser wissen. Die Fachblätter lehnen Horvaths wissenschaftlichen Aufsatz dazu ab. Die Herausgeber sind misstrauisch. "Zu schön, um wahr zu sein", lautet ihre Begründung meist, erzählt Horvath. Als wieder einmal eine Ablehnung auf seinem Schreibtisch landet, hat er genug – und tut drei unüberlegte Dinge nacheinander. "Erstens, ich trank drei Flaschen kaltes Bier. Zweitens, ich schrieb eine E-Mail an den Herausgeber. Und Nummer drei: Ich schickte sie ab." Das ist in der Wissenschaft etwa so gewinnbringend wie Meckern beim Schiedsrichter im Fußballspiel – es funktioniert nie. Diesmal aber doch: Im Oktober 2013 veröffentlicht die Fachzeitschrift Genome Biology den Report des Deutschen.

Altern ist kein bloßer Verschleiß

Erst mit der Zeit dämmert den Wissenschaftlern in den Fachzirkeln, das Horvath Großes gelungen ist. Die scheinbar simple Frage "Wie alt bin ich?" hat er ganz neu beantwortet. Bislang war eine Person so alt, wie es in ihrem Ausweis steht. Jetzt ist sie so alt, wie Horvaths Uhr es bestimmt. Nature tituliert den Genetiker nun als "the Clock-Watcher". Und seine Uhr liefert überraschende Erkenntnisse, etwa, dass der menschliche Körper nicht synchron altert. Im Hirn tickt die Lebensuhr langsam, in der weiblichen Brust besonders schnell. Und noch etwas Befremdliches ergibt sich: Bei den meisten Menschen tickt die biologische Uhr zwar in moderater Geschwindigkeit, sie sind biologisch in etwa so alt, wie es ihren Lebensjahren entspricht – aber es gibt auch andere. Zum Beispiel Horvath selbst. Als er seine eigenen Körperzellen misst, erlebt er eine unangenehme Überraschung. Der 49-Jährige ist seiner biologischen Uhr nach fünf Jahre älter – also 54 Jahre alt.

Die Ergebnisse der Untersuchungen sind eindeutig. Menschen altern unterschiedlich – einige sehr schnell, bei anderen hingegen tickt die Altersmechanik schleppend. Letztere sind häufig Nachkommen von Eltern, die besonders alt wurden. Aber was bedeutet das? Zeigt Horvaths Algorithmus tatsächlich das Zifferblatt unseres Lebens? Oder zeigt er uns gar das Uhrwerk, jenen Mechanismus, der unsere Lebenszeit verrinnen lässt?

2014, Stanford University. Tony Wyss-Coray will endlich ein Ergebnis sehen. Was haben die Spritzen bei den greisen Mäusen bewirkt? Man stellt den Tieren Lernaufgaben, prüft ihr Gedächtnis, ihre Orientierungsfähigkeit. Es sind standardisierte Tests für kognitive Leistungen. Die Resultate bestätigen eine ungeheuerliche Vermutung.

Seit vielen Monaten haben der 51-jährige Wyss-Coray und sein Team auf diesen Moment hingearbeitet. Der Biologe und Neurowissenschaftler ist Schweizer. "Zu Hause hätten sie mich für diese Versuche wohl aus dem Land gejagt", sagt er. Und tatsächlich könnten seine Experimente bei militanten Tierschützern sehr wohl Aggressionen auslösen, nicht nur in der Schweiz. In den vorangegangenen Monaten hat sein Forscherteam reihenweise Mäuse zusammengenäht. Heterochrone Parabiose nennt man dieses Verfahren. Dabei werden die Blutgefäße von zwei Tieren – eines sehr alt, das andere sehr jung – unter Betäubung und mit chirurgischen Mitteln zu einem gemeinsamen Kreislauf verbunden. Und es zeigt sich: Das junge Mausblut erzeugt im altersschwachen Tier ganz wundersame Effekte. Das Herz, die Muskeln – stark wie in der Jugend. Die inneren Organe – voll leistungsfähig. Am erstaunlichsten aber ist die Wirkung auf das Gehirn. Kognitive Tests absolvieren die Greise plötzlich ohne Probleme. Es scheint, als sei durch den alten Körper eine Welle magischer Verjüngung gerollt.

Woraus aber könnte die Vitalformel im jungen Blut genau bestehen? Steckt sie in geheimnisvollen Hormonen? Oder in den Blutzellen der Jungtiere? Die Parabiose-Versuche werden gestoppt. Stattdessen spritzen die Forscher den alten Mäusen nun Blutplasma von Jungtieren. Plasma enthält keine Zellen – doch die verjüngende Wirkung ist dieselbe. In den Blutzellen verbirgt sich das Geheimnis also nicht. Wo aber dann? Wieder injizieren die Forscher junges Plasma, aber nun erhitzen sie es zuvor. Dabei verlieren alle Proteine im Blut ihre Wirkung. Und tatsächlich: Die greisen Tiere bleiben alt und schwach. Der Effekt stellt sich nicht mehr ein.

Wenn wir also nach einem Jungbrunnen für uns Menschen suchten, wir fänden ihn in bestimmten Eiweißen im Blut – im Blut von Jugendlichen. Bleibt die Frage: Könnten Transfusionen mit dem Blut junger Menschen das Altern aufhalten? In Stanford beginnt die Fahndung nach dem menschlichen Jugendelexier, mit der Vorbereitung auf einen beklemmenden Versuch.

Auch wenn das Geheimnis des Alterns lange nicht gelüftet werden konnte, ein paar Dinge weiß man. Etwa, dass Altern kein bloßer Verschleiß ist, also keine biologische Materialermüdung. Der Abbau unserer Körperfunktionen und deren Leistungsfähigkeit ist allein Folge des Alterns, nicht dessen Ursache. Dasselbe gilt für andere alterstypische Veränderungen, die als Alterungsursache herangezogen werden – etwa oxidativer Stress, die Erosion der sogenannten Telomere oder allmählich zunehmende Schäden in den Zellkraftwerken. Offenbar folgt der Alterungsprozess allen Lebens einem präzise gesteuerten biologischen Programm. Wie sonst wäre die unterschiedliche Lebensdauer verschiedener Lebewesen erklärlich? Manche Fliegenarten leben bloß wenige Tage, Grönlandhaie hingegen über 400 Jahre. Sie sind, soweit bekannt, die langlebigsten Wirbeltiere auf diesem Planeten. Doch wie steuert die Natur solch gewaltige Unterschiede bei der Zeit, die sie ihren Geschöpfen gewährt?

Die erste Schneise in die verwucherte Terra incognita des Alterns schlug ein Wissenschaftler im kanadischen Halifax. Bereits in den achtziger Jahren züchtete der Evolutionsforscher Michael Rose Fruchtfliegen, deren Lebenszeit er mit einem simplen Trick verdoppelte: Er ließ nur die ganz alten, gerade noch fruchtbaren Tiere sich fortpflanzen und schuf so eine regelrechte Methusalem-Rasse. Diese Fliegen lebten bei bester Gesundheit und Munterkeit doppelt so lang wie ihre herkömmlichen Artgenossen. Roses Experiment lieferte den ersten Hinweis: Die Lebenszeit ist keineswegs unverrückbar determiniert, sie kann verlängert werden. Begrenzt wird sie nur durch ein Programm im Körper, ein Uhrwerk, das irgendwo in den Genen ticken muss.

"Junges Blut macht jung"

2014, Stanford University. Bevor der alles entscheidende Versuch beginnen kann, überrascht Tony Wyss-Coray seine jüngsten Studenten mit einem ungewöhnlichen Ansinnen. Sie möchten bitte Blut spenden. Außerdem lässt er Beutel mit Blut aus den Nabelschnüren Neugeborener kommen. So beginnt der entscheidende Test, der die Frage beantworten soll: Steckt auch im Blutplasma von Menschen die Macht der Verjüngung? Den greisen Mäusen wird nun das junge Plasma gespritzt. Das Ergebnis ist eine Sensation. Das Blut der Studenten wirkt tatsächlich verjüngend auf die Tiere – das der Babys noch deutlich stärker. Die alten Mäuse haben mit einem Mal wieder so leistungsfähige Gehirne wie in der Blüte ihres Lebens.

Seither suchen Forscher weltweit nach Antworten. Sie wollen wissen, welche Eiweißfaktoren im jungen Blut die juvenilen Informationen transportieren, aus wie vielen verschiedenen Stoffen der Jugend-Cocktail komponiert ist, in welchem Organ diese Stoffe hergestellt werden. Und vor allem: warum sie im Laufe des Lebens versiegen. Sind sie alle gefunden, könnte man vielleicht ein Medikament aus ihnen komponieren. Die Forscher folgen aber noch einer zweiten Fährte. Offenbar altern wir nicht nur, weil der Jungbrunnen im Blut versiegt, sondern auch, weil nach und nach an seiner statt Stoffe zirkulieren, die den Alterungsprozess regelrecht vorantreiben. "Junges Blut macht jung", sagt Wyss-Coray, "altes Blut macht alt."

Kann man also das Altern zügeln, wenn man die speziellen Stoffe im Blut kennt? Erste Privatkliniken in den USA bieten zahlungskräftigen Kunden bereits Transfusionen aus dem Blut junger Spender an. Der Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel soll zur Patientenschaft gehören. Auch Wyss-Coray hat ein kleines Unternehmen mitgegründet. Dort hat bereits ein Pilotversuch mit Menschen stattgefunden – Alzheimer-Patienten, denen man das Blut jugendlicher Spender transfundierte. Die Ergebnisse liegen noch nicht öffentlich vor. Doch schon gehen bei ihm seltsame Angebote ein. Zwielichtige Geschäftemacher versprechen Lieferungen – Kinderblut in unbegrenzter Menge. "Crap", kommentiert Wyss-Coray, "Abschaum". Und noch ist die entscheidende Frage nicht beantwortet: Kann junges Blut etwas an der Geschwindigkeit selbst ändern, mit der Horvaths Uhr in uns tickt?

2014, University of California, Los Angeles. Steve Horvath hat sein Werkzeug perfektioniert, er beginnt mit Untersuchungen ganzer Bevölkerungsgruppen. Und er erhält wieder erstaunliche Ergebnisse, die manches medizinische Rätsel lösen. Etwa dieses: Warum sterben praktisch überall auf der Welt Männer früher als Frauen? Natürlich spielt der ungesündere Lebensstil von Männern eine Rolle – doch selbst zwischen Mönchen und Nonnen, so fand man in der sogenannten Klosterstudie heraus, bleibt eine Differenz von knapp zwei Jahren Lebenserwartung zugunsten der Nonnen. Horvaths Uhr enthüllt den Grund: Männer altern ein kleines bisschen schneller. Bei den Frauen ist die Sachlage etwas komplizierter. Sie altern zwar insgesamt langsamer als Männer, nach der Menopause beschleunigt sich ihre Lebensuhr jedoch erheblich. Auch äußere Einflüsse treiben das biologische Altern an: Starkes Übergewicht oder HIV-Infektionen beschleunigen den Alterungsprozess um etwa fünf Jahre.

In Edinburgh arbeitet sich der Populationsgenetiker Ian Deary durch die Daten mehrerer gewaltiger Langzeit-Gesundheitsstudien. Tausende Schotten nehmen daran teil. Die Versuchspersonen geben regelmäßig Blut ab, sie werden untersucht, ihre Befunde, ihre Krankengeschichten und die Todesfälle akribisch protokolliert. Deary will wissen: Folgt die Lebensdauer der Probanden einer Gesetzmäßigkeit? Er weiht Steve Horvath ein, und der beginnt damit, die Blutproben der Teilnehmer durchzumessen – wie schnell tickt bei jedem einzelnen die Uhr? Als die Forscher das Ergebnis erhalten, sind sie geschockt. Jene Gruppe, bei der Horvath das schnellste biologische Alterungstempo gemessen hat, lebte mit dem fast 50 Prozent höheren Risiko eines direkt bevorstehenden Todes als der Durchschnitt. Für junge Menschen spielt das keine große Rolle – ihr akutes Sterberisiko ist klein; ist es um die Hälfte höher, bleibt es immer noch gering. Bei 60-Jährigen hingegen sieht das anders aus.

Was genau also misst Horvath’s Clock? Tickt in den Zellen der Mechanismus unserer Vergänglichkeit? Und wenn ja: Wie kann man ihn bremsen?

2014, Stanford University. Wyss-Corays Team will herausfinden, was in einem greisen Körper geschieht, wenn junges Blut durch seine Gefäße strömt. Die Forscher untersuchen die Organe – Herz, Muskel, Leber und Bauchspeicheldrüse – von alten Mäusen, die mit dem Blutplasma junger Tiere behandelt worden sind. Der Befund ist spektakulär. Durch sämtliche Organe ist eine Welle der Erneuerung gegangen. Die Muskeln sind wieder straff, die Leber aktiv, das Blut wieder jugendlich. Besonders erstaunlich sind die Resultate im Hirn. In den Zentren, die für Lernen und Gedächtnis zuständig sind, hat sich die Bildung von Neuronen verdreifacht. Auch ihre Verschaltung ist so variabel und dynamisch geworden wie bei deutlich jüngeren Tieren. Kognitive Tests bestätigen: Die verjüngten Tiere schneiden bei Lern-, Orientierungs- und Gedächtnisaufgaben viel besser ab als andere Mäuse dieses Alters.

Was ist geschehen? Die Wissenschaftler in Stanford schauen sich die Gewebe der zauberisch verjüngten Tiere an, und ihr Ergebnis bestätigt die Vermutung. Die geheimnisvollen Faktoren im jungen Blut haben eine besondere Klasse von Zellen aus dem Altersschlummer geweckt – sogenannte adulte Stammzellen, die als Erneuerer unseres Körpers fungieren. Sie stecken in allen Organen und Geweben, können sich immer wieder teilen und dabei Ersatz für verbrauchte Körperzellen bereitstellen. Und sie leisten Erstaunliches. Im Knochenmark etwa produzieren die blutbildenden Stammzellen rund 200 Milliarden rote Blutkörperchen – pro Tag. Allerdings schwächeln mit zunehmendem Alter die Stammzellen, ihre Teilungsfreude schwindet. Die Organreparatur kommt schleichend zum Erliegen.

Wyss-Corays Jugendelixier aus Blutplasma beendet die altersbedingte Lethargie der Stammzellen und treibt sie an, die Organe wieder fit zu machen wie einst im Mai des Lebens. Die Wissenschaftler stellen fest: In den Stammzellen der verjüngten Tiere sind Gene wieder angesprungen, die für die Erneuerung wichtig sind, aber im Alter verstummt waren. Der Grund für das Nachlassen im Alter ist wahrscheinlich ein Vorgang, der mit chemischen Modifikationen in der Molekülstruktur der DNA beginnt. Sie wirken wie eine Art Schalter: Solange die Struktur an diesen Stellen unverändert ist, können die Gene dort abgelesen werden. Sobald das Erbmolekül aber in seiner Struktur verändert wird, ist der Schalter gekippt und das Gen blockiert. Genau diese Schalter erfasst Horvath’s Clock – genauer gesagt: 353 Schalter zugleich. Es sind die molekularen Markierungen, mit denen der Körper festlegt, welche Gene in den verschiedenen Zelltypen abgelesen werden dürfen und welche stumm bleiben. "Epigenetisch" nennen Wissenschaftler diese Steuerung des Erbguts.

Vom Greis zurück in den Mutterleib

Ist das die Erklärung? Werden spezielle, für die Verjüngungsfaktoren zuständige Gene durch den chemischen Prozess im Alter lahmgelegt? Schaltet sich der Körper sozusagen selbst nach und nach ab? Horvaths Uhr könnte einen direkten Blick in die Maschinerie des Niedergangs erlauben. Den letzten Beweis hat Horvath noch nicht, aber es ist wahrscheinlich, dass er das Räderwerk der Alterung entdeckt hat oder zumindest einen sehr wesentlichen Teil.

Schon 2013 hatte er das Alter menschlicher Embryozellen geprüft. Es war null, wie zu erwarten. Heute wissen Forscher, wie sie auch alte menschliche Körperzellen in einen embryoähnlichen Zustand versetzen können. "Reprogrammierung" nennt man diesen Vorgang. Mit ihm werden im Erbgut einige Gene erweckt, die sonst nur im Embryo arbeiten. Reprogrammierte Zellen haben, wie die der Embryonen, die Fähigkeit, alle Zelltypen zu erzeugen. Natürlich sind sie im Grunde immer noch alt. Horvath will nun wissen, was mit ihrem biologischen Alter nach der Reprogrammierung passiert ist. Er misst es. Und bekommt immer das gleiche Ergebnis. Egal, wie alt der Spender der Zellen ist – sobald sie durch die Reprogrammierung den embryonalen Zustand erreicht haben, steht ihre Lebensuhr auf null. Der Vorgang ist also nicht nur die Wiedererweckung bestimmter Fähigkeiten des Embryos in der erwachsenen Zelle, er ist eine regelrechte Zeitreise. Vom Greis zurück in den Mutterleib. Die Frage ist nun, ob das, was im Labor gelingt, auch bei einem Lebewesen möglich ist. Einer Maus vielleicht? Einem Menschen?

2016, Salk Institute, La Jolla/Kalifornien. Juan Carlos Izpisua Belmonte hat ein internationales Team um sich geschart. Er will mit anderen Mitteln dasselbe schaffen wie Wyss-Coray: Verjüngung. Und auch Belmonte hat Erfolg. Alte Mäuse werden verjüngt, ihr Stoffwechsel, ihre Muskeln. Einer besonders kurzlebigen Mäuserasse verschafft das Team ein längeres Leben. Aber Belmonte und seine Leute benötigen kein Blut, sie beeinflussen den Organismus durch die Nahrung. Sie kommen ganz ohne die mysteriösen Eiweiße der Jugend aus. Den Forschern gelingt es, lebendige Tiere ein bisschen jünger zu machen, sie ein Stück zurück auf den Weg in Richtung Embryo zu schicken. Dafür mischen sie eine Substanz ins Futter der Tiere, die jene entscheidenden Gene anwirft, die das Erbgut bei der Reprogrammierung von Zellen in Richtung Embryo umsteuern. Es spricht also alles dafür, dass die mit Hochdruck gesuchten Jugend-Eiweiße im Blut von Mäusen und Menschen ihre Wirkung auf ähnliche Weise entfalten: indem sie die Steuerung im Erbgut alter Lebewesen wieder auf Jugendlichkeit polen.

April 2017, Stanford University. Wyss-Coray und seine Leute durchsuchen seit Monaten die Eiweiße im jungen Blut. Und sie haben Erfolg. Die Details sind noch geheim und harren der Veröffentlichung in den kommenden Tagen. Doch eine neue Patentanmeldung verrät: Mindestens einen Jugendfaktor hat das Team wohl entdeckt, ein Protein mit dem Namen TIMP-2. Vermutlich hat es das Gehirn der greisen Mäuse zu jugendlicher Leistung mobilisiert. Ist das Rätsel des Alterns nun gelüftet?

Gelingt es der Wissenschaft, letzte Fragen zu beantworten, könnten wir Zeitzeugen eines historischen Moments werden, in dem ein Menschheitsrätsel gelöst wurde. Die Erkenntnisse könnten uns Wissen verleihen über Instrumente und Verfahren, die den Verfall unseres Körpers zügeln, bremsen, vielleicht sogar umzukehren vermögen. Wie wird die Menschheit damit umgehen? Gelänge es auch nur, die gesunde Lebenszeit auszudehnen (selbst wenn die Menschen nicht länger lebten), wäre das schon eine Sensation. Die letzten 20 Jahre von allen Altersleiden verschont zu bleiben – welch eine Vorstellung!

Doch dürften wir wirklich – wenn es möglich würde – darangehen, die Grenzen unserer Lebensdauer ins Unabsehbare auszudehnen? Auf durchschnittlich 150 oder 200 Jahre? Wie immer wir uns entscheiden – unser Leben, die Gesellschaft würde anders, Zeit eine andere Bedeutung bekommen. Ein langes, gesundes Leben wäre nicht länger ein Geschenk der Natur. Es wäre ein Gut, das man erwirbt. Wenn man es sich leisten kann.

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