Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

In Basel herrscht eine seltsame Aufbruchsstimmung. Inspiriert vom Brexit, geistert durch gewisse Köpfe die Idee, man könnte doch die Hauptsitze von großen europäischen Firmen von der Insel in die Region locken, wovon schließlich das gesamte Dreiländereck profitieren würde.

Der Schönheitsfehler an diesem Gedanken: Im nahen Frankreich stehen Präsidentschaftswahlen an. Am 23. April werden – wenn alles wie geplant läuft – zwei Anwärter für die Stichwahl am 7. Mai erkoren. Und glaubt man den Umfragen, wird einer von ihnen Marine Le Pen heißen. Eine Frau, die den Frexit will, den Austritt Frankreichs aus dem Euro und der EU.

Le Pen ist eine Vertreterin der neuen europäischen Rechten, die alle hervorragend international vernetzt sind – auch mit Wladimir Putin. Sie fischen hemmungslos nicht nur am extremen rechten Rand, sondern angeln in sämtlichen Politik-Teichen.

Dabei setzen sie auf wirtschaftliche Abschottung; was sie von der neoliberalen SVP unterscheidet, die eine solche Position nur in der Landwirtschaft verfolgt. Europas neue Rechte hingegen vertritt in aller Regel eine protektionistische Wirtschaftspolitik und ergänzt diese mit sozialen Versprechen. Das alles unterlegt mit einer nationalistischen Ideologie.

Marine Le Pen nennt das Wirtschaftspatriotismus. Sie verspricht beinahe allen Zu-kurz-Gekommenen bessere Verhältnisse – ohne den Nicht-zu-kurz-Gekommenen etwas wegnehmen zu wollen. Freihandel lehnt sie ab, über Globalisierung sagt sie, das sei wie "Sklaven etwas produzieren zu lassen, um es Arbeitslosen zu verkaufen". Womit auch gesagt ist, dass für sie an den Problemen, mit denen sich Frankreich rumschlägt, immer die anderen Schuld tragen – die Ausländer.

Vermutlich am cleversten ist, wie Le Pen um die Stimmen der Frauen wirbt, die von der französischen Politik meist übersehen werden: So hat sie eine wirklich interessante Broschüre für potenzielle Wählerinnen zusammengestellt. Darin spricht sie alle schwierigen Lebenssituationen an, die heutige Frauen in Frankreich durchmachen – und die Marine Le Pen aus eigener Erfahrung kennt: Stress, Scheidung, Alter, Renten.

Gleichzeitig positioniert sich Le Pen außerhalb des Polit-Filzes, an dem Frankreich und die Franzosen seit Jahrzehnten leiden. Sie weiß genau, dass sie ihre Stärke der Schwäche ihrer Gegner verdankt: Die Linke ist, wie die gemäßigte Rechte, ideenlos und heillos zerstritten. Die Vertreter der traditionellen Parteien haben es in den vergangenen Jahren erfolgreich geschafft, all das in sie gesteckte Vertrauen immer wieder aufs Neue zu verspielen.

Umso nervöser wird Le Pen, wenn es um den umtriebigen Newcomer Emmanuel Macron geht. Der verbreitet frischen Wind und lässt die Chefin des Front National ganz automatisch als das aussehen, was sie in Tat und Wahrheit ist: eine Vertreterin des französischen Establishments und einer rechten Polit-Dynastie.

Während Le Pen das Potenzial zur Spaltung Frankreichs hat, könnte Macron das Land einen. Manuel Valls, der gerne sozialistischer Präsidentschaftskandidat geworden wäre, beschimpfte ihn noch vor ein paar Monaten als Verräter. Heute unterstützt er nicht den offiziellen Kandidaten der Sozialisten, sondern – Macron. Die ersten Anhänger des bürgerlichen Präsidentschaftskandidaten Fillon sind ebenfalls ins Lager von En Marche! übergelaufen.

Tremblez, citoyens!, rufen sie ihren Mitbürgern zu. Fürchtet euch! Denn Marine Le Pen könnte nicht nur an die Tore des Élysées klopfen. Sondern hinein in den Regierungssitz marschieren. Auch aus Schweizer Sicht ist das ein besorgniserregender Gedanke.