Welche Religion hast du? Es ist vielleicht nicht die erste Frage, die Kinder sich gegenseitig stellen, aber sie spielt heute auf vielen Schulhöfen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Vielfalt in Glauben und Weltanschauung ist für die meisten Kinder in Deutschland inzwischen selbstverständlicher Teil des Alltags. Jedes dritte Kind im Grundschulalter ist in einem anderen Land geboren oder hat einen Elternteil, der zugewandert ist. In vielen Großstädten wird dieser Durchschnittswert weit übertroffen. Und mit der Vielfalt der Herkunftsländer hat auch die Vielfalt der Glaubensgruppen deutlich zugenommen.

Deutschland ist bunt, und genauso kommt Das Wimmelbuch der Weltreligionen daher. Wer die großen Doppelseiten anschaut, entdeckt, wie sich das für ein gutes Wimmelbuch gehört, ständig Neues: Da fallen einer Frau Teller aus einem Regal mit hebräischen Zeichen. Ein Äffchen greift nach dem Glatzkopf eines buddhistischen Mönchs. Unter dem Türrahmen mit dem Segensspruch der Heiligen Drei Könige knurrt ein Hund eine Katze an.

Auf je einer Doppelseite sind die fünf großen Glaubensgruppen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam dargestellt, was in der wimmeligen Vielfalt großartig ist. Je länger man schaut, desto mehr sieht man – und desto mehr Fragen stellen sich. Weil das für Kinder wie für Erwachsene gilt, ist dem Buch ein Nachschlageheft beigelegt. Darin finden sich ausgewählte Bilder der Seiten samt Erklärung. Zu den hebräischen Schriftzeichen vom Regal etwa wird die jüdische Speiseregel erläutert, nach der Milchiges und Fleischiges getrennt werden sollen.

Allerdings birgt dieses strenge Konzept auch zwei Schwächen: Nichtglauben oder Atheismus werden nicht thematisiert – was bedeutet, dass sich ein Drittel der Menschen in Deutschland auf den Seiten nicht wiederfindet. Und auch wenn die Anordnung der Religionen auf separaten Seiten eine schnelle Orientierung bietet, entsteht der Eindruck, dass die Glaubensgruppen voneinander abgeschottet existierten. Glauben und Nichtglauben sind da im heutigen Deutschland deutlich stärker miteinander verflochten.

Betrachtet man aber die einzelnen Doppelseiten, zeigt sich die große Stärke dieses Wimmelbuchs: Mit viel Akribie arbeitet die Illustratorin die Vielfalt innerhalb der Glaubensgruppen heraus. Auf jeder Doppelseite sieht man Gläubige in unterschiedlichen Regionen der Welt genauso wie Menschen, die äußerlich eher konservativ verortet wirken, neben solchen, die sich weltlicher geben. Was Glauben und Religion bedeutet, hat viele Facetten. So simpel diese Erkenntnis anmuten mag, so selten findet man sie in solch pluralistischer Weise in einem Kinderbuch dargestellt.

Anna Wills / Nora Tomm (Ill.): Das Wimmelbuch der Weltreligionen. Ab 5 Jahren; Beltz & Gelberg 2017; 14 S., 13,95 €