Griechenland hat vieles, worum man es beneiden könnte. Doch in diesen Tagen ist es selten schmeichelhaft gemeint, wenn jemand eine Gegend mit Griechenland vergleicht. Nordrhein-Westfalen sei "das deutsche Griechenland", behauptete Anfang der Woche die Bild-Zeitung. In ihrem Artikel ging es um Schulden, eine schwache Wirtschaft und Behörden-Pannen. Die Botschaft: Ähnlich katastrophal, wie Griechenlands Staat und Wirtschaft innerhalb der EU abschneiden, steht Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu den anderen deutschen Bundesländern da.

Dieser Gedanke wurde im Kurznachrichtendienst Twitter eifrig aufgenommen. "NRW, der Failed State in Deutschland", twitterte der AfD-Kreisverband Wolfenbüttel. "Wer will, dass NRW vom ›deutschen Griechenland‹ zum ›deutschen SiliconValley‹ wird, wählt am 14. Mai FDP", warb der Landesverband der Freien Demokraten. Und der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, nutzte den Anlass, um die SPD-geführte Regierung unter Hannelore Kraft zu kritisieren: "... und was sagt @HanneloreKraft ? ›Alles richtig gemacht.‹ Das ist Realitätsverlust!"

Was ist dran am Bild von Nordrhein-Westfalen als Deutschlands Griechenland? Lässt sich das durch Fakten belegen?

Griechenland ist vor allem berüchtigt für seinen riesigen Schuldenberg. Von 28 EU-Ländern ist tatsächlich keines so hoch verschuldet wie Griechenland. Das gilt sowohl für die Höhe der Staatsschulden im Verhältnis zur eigenen Wirtschaftsleistung (2015: 177 Prozent) wie auch für das laufende Defizit im Staatshaushalt (2015: –7,5 Prozent). Athen ist europaweit das Schlusslicht.

In Deutschland wacht der Stabilitätsrat, ein Gremium von Bund und Ländern, darüber, wo sich im föderalen System die Schulden türmen. Nach dem jüngsten Bericht des Rats galten bis Ende vergangenen Jahres vier Bundesländer als Sanierungsfälle: Berlin, Bremen, Schleswig-Holstein und das Saarland. Inzwischen drohe nur noch Bremen und dem Saarland perspektivisch eine "Haushaltsnotlage". Nordrhein-Westfalen zählte der Rat nicht zu den Sorgenländern. Schaut man tiefer in die Kennziffern des Stabilitätsrats, schneidet Nordrhein-Westfalen mittelmäßig ab. So betrugen die Schulden des Landes Ende 2016 rund 7.900 Euro pro Einwohner, im Bundesdurchschnitt lag der Wert bei 6.800 Euro. Acht Bundesländer haben weniger Schulden pro Kopf angehäuft, sieben mehr. Ähnlich sieht es bei anderen vom Stabilitätsrat beobachteten Kennzahlen aus: Nordrhein-Westfalen rangiert eher im unteren Mittelfeld, Schlusslicht ist es aber nicht.

Griechenland ist noch für eine andere Misere bekannt: die horrende Arbeitslosigkeit. Kein anderes Land in der EU leidet so sehr darunter. Fast 24 Prozent der griechischen Erwerbsbevölkerung waren im vergangenen Jahr ohne Job. Der EU-Durchschnitt lag bloß bei 8,5 Prozent. Nordrhein-Westfalen dagegen bewegt sich im Deutschland-Ranking wiederum in der unteren Mitte. Im März waren dort 7,6 Prozent aller zivilen Erwerbspersonen arbeitslos gemeldet, gegenüber 6,0 Prozent im Bundesdurchschnitt. Zehn Bundesländer weisen eine niedrigere Quote auf, vier eine höhere, Brandenburg liegt gleichauf. Schlusslicht ist Bremen.