Peter Strohschneider und Johanna Wanka sind die wichtigsten Entscheider der deutschen Wissenschaft – und selten einer Meinung.

Wenn Peter Strohschneider etwas Freundliches über Johanna Wanka sagen will, muss er nicht lange überlegen. Dann schwärmt er von der warmherzigen Rede, die sie gehalten habe, als er 2011 den Wissenschaftsrat satzungsgemäß verlassen musste, dieses einzigartige Beratungsgremium in der Wissenschaftspolitik, dessen Vorsitzender er sechs Jahre lang war. "Das war sehr nett und persönlich zugewandt", sagt Strohschneider. Was Wanka, damals Wissenschaftsministerin in Niedersachsen, denn genau gesagt habe über ihn? Strohschneider hält inne, denkt nach. "Weiß ich nicht mehr", sagt er dann.

Strohschneider und Wanka sind, so sagen es viele, die zwei wichtigsten Menschen im deutschen Wissenschaftssystem. Sie sitzen in einem Boot, aber Kapitän wollen sie beide sein. Zwei Machtpolitiker, die sich lange gegenseitig begleitet und belauert haben, deren Wege sich immer wieder kreuzten, die so viel gemeinsam haben und die doch unterschiedlicher nicht sein könnten. Wer ihre Beziehung versteht, bekommt einen Eindruck davon, was das komplizierte Zusammenspiel von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, von Bund, Ländern und Wissenschaftspolitik am Laufen hält.

Seit Wankas Rede zu Ehren Strohschneiders ist viel passiert. Sie musste erleben, wie Niedersachsens einzige Exzellenzuniversität im Juni 2012 ihren Status verlor. Er musste erleben, wie es ist, ohne Spitzenamt dazustehen. Aber nicht lange. Im Januar 2013, anderthalb Jahre nach seinem Abschied aus dem Wissenschaftsrat, trat er als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an. Wanka erlebte im Januar 2013, wie ihre CDU die Landtagswahl verlor, auch ihr drohte der Machtverlust. Aber nicht lange. Im Februar 2013 erhielt sie einen Anruf von der Kanzlerin: Ob sie Nachfolgerin der zurückgetretenen Annette Schavan werden wolle? Wanka wollte.

Strohschneiders Rolle für Wanka: Die Milliarden überweisen und dann Ruhe geben

Die beiden standen sich wieder gegenüber. Sie als Bundesforschungsministerin. Er als Chef der mächtigsten Forschungsförderorganisation. Die nächsten Reden, die Johanna Wanka in Peter Strohschneiders Gegenwart hielt, waren dann weniger huldigend. Dafür erinnert Strohschneider sich genau an sie.

Die DFG müsse sich stärker für die Fachhochschulen öffnen, sagte Wanka. Weniger als ein Prozent der Forschungsförderung fließe an die FHs, das müsse sich, nein, das werde sich ändern. Es war eines der bestimmenden Themen in den ersten Monaten ihrer Amtszeit. Die Reaktion Strohschneiders, wenn die neue Bundesforschungsministerin solche Sätze sagte, konnte man an seiner Miene ablesen: Wie er da in der ersten Reihe irgendwelcher Festveranstaltungen saß und unter seiner hohen Stirn die Augenbrauen hob. Man spürte: Das wird schwierig mit den beiden.

Johanna Wanka, 65. Sie ist in Sachsen aufgewachsen, hat Mathematik studiert, wurde 1993 Professorin für Ingenieurmathematik an der Fachhochschule Merseburg und nur ein paar Monate später Rektorin. Sie redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, schnodderig und gelegentlich ein wenig fahrig. "Wir haben uns in der Zeit so oft gesehen, dass es reichte", kommentiert sie schon mal öffentlich Verhandlungen mit ihren Ministerkollegen aus den Ländern. Sie meint das positiv. Die Leute mögen Wankas Art, sie schafft es, einen Saal voller Professoren mit ein paar Halbsätzen und Anekdoten für sich einzunehmen. Einer, der lange mit ihr gearbeitet hat, beschreibt ihre Mentalität so: "Klare Ansagen machen, Ärmel hochkrempeln und los."

Peter Strohschneider, 61. Geboren in Stuttgart, Experte für mittelhochdeutsche Literatur. Seine Doktorarbeit hat er unter dem Titel Ritterromantische Versepik im ausgehenden Mittelalter veröffentlicht. Auch er wurde 1993 Professor, und zwar für Germanistische Mediävistik, zunächst an der TU Dresden. Später ging er nach München, gründete dort das Internationale Doktorandenkolleg "Textualität in der Vormoderne", 2005 berief ihn der Bundespräsident in den Wissenschaftsrat, das Gremium, in dem Wissenschaftler die Politik in Bildungsfragen beraten. Strohschneider gilt als der Intellektuelle unter den deutschen Wissenschaftsmanagern, seine Sätze sind wie die Pirouetten, die er dabei gern mit seinen Händen beschreibt. So wie diesen zum Beispiel: "Gesellschaft und Politik kommen nicht um die Einsicht herum, dass Wissenschaft und Forschung mehr leisten müssen, als von ihnen erwartet wird, um leisten zu können, was Gesellschaft und Politik, auch an konkreten Problemlösungen, sehr zu Recht von ihnen erwarten." Das klinge immer sehr beeindruckend, was Strohschneider so von sich gebe, sagt ein ehemaliger Wissenschaftspolitiker, "und hinterher fragt man sich: Was hat er eigentlich gesagt?"

Strohschneiders Verständnis von Wissenschaft: Am besten entwickelt sie sich, wenn man sie in Ruhe lässt. Der inhaltliche Anstoß müsse stets von der Wissenschaft selbst ausgehen. Eine Förderung nach "politischen und anderen Relevanzannahmen kommt für uns auch künftig nicht infrage", sagte Strohschneider 2014. Wer da eine Replik auf Wankas Drängen heraushörte, lag richtig. Sie sei halt doch Fachhochschulrektorin geblieben, sagte der DFG-Präsident in jenen Monaten hinter kaum vorgehaltener Hand.

An Wanka und Strohschneider kann man ihn gut beobachten, den großen Konflikt der deutschen Forschungslandschaft: Wie stark darf die Politik sich einmischen? Darf der Staat, der Milliarden in die Wissenschaft pumpt, auch bestimmen, was mit ihnen passiert?

Solange die Finanzierung der Forschung größtenteils in der Hand der Länder lag, war es eine Frage, deren Antwort zumeist Landesminister mit den Hochschulrektoren aushandelten, am liebsten im Verborgenen. Doch es gibt drei "Programme", die die Karten im forschungspolitischen Machtpoker neu verteilt haben: Exzellenzinitiative, Hochschulpakt und Pakt für Forschung und Innovation. Nur eine Organisation hat von allen dreien direkt profitiert: Strohschneiders DFG.

Fast 400 Millionen Euro hat die Bundesregierung allein 2016 in die Exzellenzinitiative gesteckt, den Großteil davon in Exzellenzcluster. Aber nicht direkt, sondern über die DFG. Noch mal knapp 400 Millionen gingen an die Hochschulen, die prozentual auf jedes Forschungsförderprojekt draufgeschlagen werden. Und über die Forschungsförderung entscheiden: die Wissenschaftlergremien der DFG. Beim Pakt für Forschung und Innovation schließlich erhielt Strohschneiders Organisation 1,2 Milliarden Euro vom Bund, dazu noch mal 800 Millionen von den Ländern.

Und mit all den Bundesmilliarden auf dem Konto lässt Strohschneider keine Gelegenheit aus, auf die Eigenständigkeit der Wissenschaft zu pochen. Indem er "wissenschaftsgeleitete Verfahren" beschwört, wenn es ums Verteilen geht, was übersetzt so viel bedeutet wie: Darüber haben Wissenschaftler zu urteilen, und zwar unter sich. Oder wenn er die DFG als "die wichtigste Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft" bezeichnet.

Große Gesten, in denen sich ein Mann wie Strohschneider gefallen muss, den selbst seine Freunde als "eitel, mitunter belehrend, Tendenz zunehmend" bezeichnen. Große Gesten, die eine Frau schmerzen müssen, über die die ZEIT einmal den Satz schrieb, für die Bundesbildungsministerin sei kein Termin "unwichtig genug, um dafür nicht trotzdem gut auszusehen". Ein Satz, über den Wanka empört gewesen sein soll.

Was stimmt: Auch Wanka liebt es, im Mittelpunkt zu stehen, und im Mittelpunkt stehen vor allem jene, die die Entscheidungen fällen. Insofern kann ihr die Rolle nicht gefallen, die Strohschneider ihr zugedacht hat: immer schön die Milliarden überweisen und dann bitte Ruhe geben.

So verkauft sich Strohschneider als Wortführer der freien Wissenschaft, und derzeit macht ihm diese Rolle niemand streitig. Im Gegenteil: DFG und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), deren Mission die Grundlagenforschung in Reinform ist, gerieren sich seit einiger Zeit als beste Freunde. So ist es kein Wunder, dass Wanka parallel ihr Werben um die Gunst von MPG-Präsident Martin Stratmann auf ein noch halbwegs unauffälliges Maximum hochgeschraubt hat. Sie weiß: Gegen Strohschneider kommt sie vielleicht noch an, gegen Strohschneider und Stratmann zusammen sicher nicht.

Heute wird Wanka, die FH-Professorin, von Forschungslenkern hofiert – und geachtet

Die Medien sind froh, in Strohschneider einen zu haben, der nicht nur gestelzt sagt: Wissenschaft muss erkenntnisoffen sein, sondern der immer auch das griffige Sprachbild dazu auf Lager hat. Manchmal müsse man Indien suchen, um Amerika zu entdecken, so klingt das dann. Und wenn nötig, spitzt Strohschneider zu, erklärt, die Hochschulen hätten im Vorfeld der Exzellenzbewerbung wieder einmal "ein relativ schwaches konzeptionelles Selbstbewusstsein" unter Beweis gestellt. "Darf der das?", haben viele Rektoren erbost gefragt, die DFG sei doch selbst Akteur bei der Exzellenzstrategie. Die Antwort: Er tut es einfach. Und nur er.

Vier Jahre nach dem Amtsantritt der beiden gingen von den gut drei Milliarden DFG-Forschungsfördermitteln im Jahr 2016 immer noch nicht einmal ein Prozent davon an Fachhochschulforscher. Und Wanka sagt immer noch: "Wenn ich mir anschaue, dass der Anteil der DFG-Mittel, der an die Fachhochschulen geht, im Promillebereich liegt, kann ich ihren Frust verstehen."

Doch ihre Rufe sind leiser geworden. Je weniger sie über die Benachteiligung der Fachhochschulen redete, desto erfolgreicher wurde sie als Ministerin. Ihre Kritiker sagen, Wanka habe im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Schavan bei Kanzlerin Merkel nicht so viel Geld für die Wissenschaft loseisen können. Die Statistiken sagen etwas anderes: In den vergangenen vier Jahren ist das Budget ihres Ministeriums um fast 30 Prozent gestiegen. Und während der Standardvorwurf an Schavan lautete, sie habe konzeptionell wenig nach vorn gebracht, hat Wanka eine lange Liste mit wissenschaftspolitischen Innovationen vorzuweisen. Dass sie eine Grundgesetzänderung nutzte, um die zeitlich begrenzte Exzellenzinitiative im Einvernehmen mit den Ländern zu einer Dauereinrichtung, sprich "-strategie", zu machen, ist davon nur die wichtigste. Auch die lange überfällige Modernisierung der Professorenlaufbahn über einen von ihr angestoßenen "Nachwuchspakt" dürfte lange nachhallen. Heute wird Wanka, die Fachhochschulprofessorin, von den Forschungslenkern hofiert und, mehr als das, sie wird von ihnen geachtet. Insgeheim auch von Strohschneider?

So stehen eine Frau und ein Mann im Zentrum des deutschen Wissenschaftssystems, die sich zwangsläufig reiben müssen. Denn was für ihre Institutionen gilt, gilt auch für sie: Es geht nicht ohneeinander und oft, so scheint es, auch nicht miteinander.

Das kann ganz schön persönlich werden, Beispiel Exzellenzstrategie: Bei der Neuauflage der Exzellenzinitiative haben Wanka und ihre Ministerkollegen aus den Ländern DFG und Wissenschaftsrat ein Gremium internationaler Experten vor die Nase gesetzt. Das Expertengremium habe Wanka sich extra für Strohschneider ausgedacht, munkeln einige. So wie sie auch munkeln, dass sie ihm Göttingens Niederlage in der Exzellenzinitiative persönlich übel genommen habe, war sie doch damals die zuständige Wissenschaftsministerin in Niedersachsen. Er protestiert: "Das zeigt doch die Legendenbildung. Das war genau die Zeit, in der ich weder bei der DFG noch im Wissenschaftsrat Verantwortung trug." Und als reiche das noch nicht, um seinen Punkt zu machen, fügt er hinzu, er sei damals sogar Mitglied im Hochschulrat Göttingens gewesen, "bestellt von Frau Wanka".

Neuerdings wirkt Strohschneider, wenn man ihn nach Wanka fragt, auffallend entspannt. Fast scheint es so, als bereite er sich seinerseits auf eine nette Abschiedsrede vor. Die schuldet er Wanka ja noch. Denn während er bis Ende 2019 gewählt ist, steht ihrer CDU die Bundestagswahl im September bevor, und die Ministerin beantwortet Fragen nach ihrer persönlichen Zukunft ausweichend mit dem Hinweis, sie habe das für sich entschieden. Eine Abschiedsrede von ihm auf Wanka sei aber schon aus protokollarischen Gründen schwer vorstellbar, sagt Strohschneider dazu trocken.