Wenn man die Bewohner von Albuquerque nach ihrer Stadt fragt, sagen sie gern, mit einer Mischung aus Stolz und Abwehr, Albuquerque sei endlich on the map.

Viele Menschen, die Albuquerque nie besucht haben, wissen doch, wie es ist, hier durch die Straßen zu fahren, von der Polizei verfolgt zu werden, im Motel Unterschlupf zu finden, auf dem Oberdeck eines bestimmten Parkhauses den Geldboten zu erwarten, die Stadtgrenzen hinter sich zu lassen und mit bösen Absichten in die Wüste hinauszufahren. Kurzum: Sie haben viel Zeit hier verbracht, ohne je hier gewesen zu sein.

Albuquerque ist unter den Städten, die sich im Gedächtnis der zwanghaften und süchtigen TV-Zuschauer verankert haben, eine der kleinen: 550.000 Einwohner. Aber in gewisser Weise ist es von allen die größte. Breaking Bad wurde hier gedreht, Inbegriff der neuesten westlichen Kulturleistung – der lüstern über Cliffhanger hinausjagenden, von keinerlei Werbung unterbrochenen, willenlose Zuschauer in ihren Schlund saugenden Fernsehserie.

Hier hat ein Mann namens Walter White den Aufstieg vom verzweifelten, an Krebs erkrankten kleinen Chemielehrer zum Starkriminellen und Drogenmillionär geschafft. Zu einer dämonischen Gestalt, die sich am eigenen Skalp in die Höhe zieht. Ehe sie abstürzt – und sogar den Sturz noch genießt. Breaking Bad, Walters Geschichte, ist eine Höllenfahrt und die Chronik eines sehr amerikanischen Triumphes – des Sieges eines Helden über das System, das ihn vernichten wollte. Am Ende der Serie, in der 62. Folge, liegt White tot am Boden. Aber er starb mit einem Lächeln auf den Lippen. Das war die abschließende Botschaft aus dem Schattenland von Breaking Bad: das Lächeln des toten Siegers, eingefangen von einer Drohnenkamera, die dann in den Nachthimmel davonflog.

Vor ein paar Monaten, im Winter, fuhr ich nach Albuquerque. Ich wollte die Stadt sehen, die im Schatten des Walter White lebt. Man muss sagen: Sie lebt im Dämmer nicht schlecht. Es wird am Breaking Bad-Mythos immer noch gearbeitet. Ein anderer führt ihn nun weiter. Saul ist sein Name, Better Call Saul heißt die Serie.

Am trockenen Brunnen. Die Dreharbeiten finden in Downtown Albuquerque statt. Es ist sehr kalt. Auf dem zentralen Platz, der Civic Plaza, haben die Stadtoberen eine Kunsteisbahn aufstellen lassen, deren Fläche von drei Skatern in Eisbrei verwandelt wird. Obdachlose bauen sich an den Platzrändern aus Kartons und alten Kinderwagen Unterschlupfe. Auf die Spitze eines ausgetrockneten Brunnens hat jemand ein Spielzeug-Rentier gestellt. (Dass dieser Winter-Text jetzt erscheint, liegt am Embargo, das ich unterschreiben musste: Erst jetzt, wo die neue Saul-Staffel bei Netflix anläuft, darf sie in der Presse erwähnt werden.) Am Rand des zum Niederknien hässlichen Platzes steht das Gerichtsgebäude. Es wird mit drei Scheinwerfern von der Straße her angestrahlt, damit drinnen der Eindruck entsteht, es dringe Sonnenschein durch die Jalousien. Im Gebäude fallen an die hundert Techniker, Komparsen, Kabelträger, Assistenzassistenten wechselweise von einem Zustand des Drehalarms in einen der Pausenstarre: Viele tippen in ihre Handys, als wollten sie die Beschämung über das stundenlange Warten überspielen. Hier dreht der Sender AMC die Serie Better Call Saul, die vom Streamingdienst Netflix in vielen Ländern angeboten wird. Netflix steckt eine kaum fassbare Summe, fünf Milliarden Dollar, in die Produktion von Serien und Filmen, die in der neuen "Season" gezeigt werden sollen; seine Kunden sind längst nicht mehr damit zufrieden, altes Material abzurufen: Sie wollen exklusive, neue Ware.

Durch die Korridore huschen die Stars, Bob Odenkirk, Rhea Seehorn, Michael McKean, in den Gerichtssaal, in dem die nächste Szene gedreht wird: Gegen den Helden der Serie, gespielt von Bob Odenkirk, prozessiert sein eigener Bruder. Wer bestimmt in dieser Stadt, was "Recht" ist? Der Grundkonflikt der Serie geht als Riss durch die Familie des Helden.

Was nun beginnt, erinnert an eine konzentrierte, kaum unterbrochene Generalprobe. Es ist eher Theater- als Dreharbeit, denn hier zählt die Kontinuität des Spiels. In Gruppenszenen wird jede Figur von einer oder zwei Kameras individuell beobachtet. Dem Akteur wird nicht ein bestimmter Gesichtsausdruck abgefordert, sondern der notwendige Ausdruck, die Geste, der furiose Monolog entstehen im Fluss der Szene. Die Schauspieler sind großartig. Und der Aufwand, den sie treiben, hat Hollywood-Dimensionen. Wohlgemerkt: Mit dieser Sorgfalt wird in Albuquerque kein 90-minütiger Film gedreht, sondern eine vielstündige TV-Staffel in zehn Folgen.

In Breaking Bad war der Anwalt Saul Goodman nur eine abgründige Zuträgergestalt; in Better Call Saul ist er die Hauptfigur. Es handelt sich bei Saul, Breaking Bad-Kenner erinnern sich, um einen windigen, seinen Beruf zur Bereicherung nutzenden Advokaten in Buntkrawatte und großem Karo. Einen Parasiten der Unterwelt, der auch dem Mörder Walter White seine Dienste verkaufte. Dass Saul nicht immer so war, darauf will Better Call Saul hinaus. Die Serie spielt im Jahr 2002, einige Jahre vor Breaking Bad. Sie liefert zur Tragödie das Satyrspiel. Der junge Saul ist hier noch ein gutmütiger Narr mit einem Robin-Hood-Herzen: Das Rechtssystem dient ihm dazu, den Armen (zu denen er auch sich selbst zählt) zu geben und den Reichen zu nehmen. Den Übertritt auf die dunkle Seite des Rechtssystems hat er noch vor sich.

Das Unstete seines Wesens ahnt man aber schon jetzt. Denn Saul hat hier einen anderen Namen, er heißt Jimmy McGill. Erst im Verlauf der Serie wird Jimmy sich aus einem noch zu entdeckenden Grund in Saul verwandeln, einen Windhund auf der Flucht vor seiner Vergangenheit.