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In einer Wohnung mitten in der Stadt Kayseri treffen sich Frauen zu einem Plausch. Schon im Eingang begrüßen prunkvoll gerahmte Koranverse die Besucherin. Kayseri liegt im Kernland der AKP, und die frommen Frauen, die sich hier im Wohnzimmer versammelt haben, sind Stammwählerinnen. Sie servieren süßen Tee und Kuchen, doch in den Geschichten, die sie an diesem Nachmittag erzählen, liegt Bitterkeit.

Kayseri, ein historisches Handelszentrum, ist eine Hochburg des islamischen Konservatismus. Auf dem Weg ins Zentrum grüßen riesige Plakate mit dem Konterfei von Staatspräsident Erdoğan. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen sprachen sich fast 70 Prozent der Einwohner für ihn aus.

Wir sind eine Woche in Anatolien unterwegs, um zu verstehen, warum so viele hier treu zu ihrem Präsidenten stehen – und wie sie am kommenden Sonntag beim Referendum über das Präsidialsystem abstimmen werden, das er einführen will. In Kayseri, wo Erdoğans treueste Anhänger wohnen; in Şanlıurfa an der syrischen Grenze, wo es gilt, die Kurden zu gewinnen; und in der Hauptstadt Ankara, wo vor beinahe einem Jahrhundert die laizistische Türkei gegründet wurde, deren Verfassung nun möglicherweise vor einem Umbruch steht.

Türkei - Die Türkei seit dem Putschversuch Wie hat sich die Türkei seit dem Putschversuch im letzten Jahr verändert? Ein Videoüberblick zu den Themen Menschenrechte, Wirtschaft und Europa © Foto: Ozan Kose, AFP/Getty Images

Eine der Frauen, eine Anwältin, die wie alle hier anonym bleiben möchte, erzählt von ihren beruflichen Anfängen: "Entweder du nimmst das Tuch ab und trägst dein Haar offen, oder ich stelle dir kein Referendariatszeugnis aus", habe der mächtige Staatsanwalt gesagt. Sie erinnert sich noch gut an diese Verletzung ihrer Rechte, die sie als junge Juristin erleiden musste. Sie ist noch immer gekränkt und wütend, obwohl inzwischen 17 Jahre vergangen sind. Sie habe sich damals gefügt und das Kopftuch abgenommen, um ihre Zulassung als Anwältin zu bekommen. "Ich musste das Kopftuch immer ablegen, wenn ich einen Gerichtssaal betrat. Stellen Sie sich mein Haar vor, das stundenlang unter einem Kopftuch lag. Stellen Sie sich vor, wie Sie mit diesem Haar den Saal betreten, um einen Mandanten zu verteidigen. Und was das mit Ihrem Selbstvertrauen macht!"

Es war Erdoğan, so stellen es die Frauen dar, der den frommen Anatoliern ihre Würde zurückgab. Er ist einer von ihnen, so sehen sie das hier. Der erste Spitzenpolitiker, der ihre Lebensweise anerkennt und sie nicht demütigt wie die alten säkularistischen Staatseliten. Die Menschen hier werden, folgt man den Frauen, ein weiteres Mal hinter Erdoğan stehen und beim Referendum mit Ja stimmen.

Das Gespräch ist angespannt, denn die Frauen trauen der Presse nicht, zumal wenn die vor ihnen sitzende Journalistin für eine deutsche Zeitung arbeitet. Doch man spürt auch Neugier. Die Frauen wollen wissen, wie die Türkei von Europa aus gesehen wird. Und sie wollen selbst eine Botschaft senden. Eine Mittsechzigerin macht den Anfang: "Ihr Europäer seht die Türkei immer noch als kranken Mann. Europäer denken, dass sie bestimmen und wir gehorchen. Aber wir sind aufgewacht, und das könnt ihr schwer verdauen." Die Dame des Hauses schaltet sich ein: "Wir glauben, dass wir alle Störer dann loswerden, wenn wir Ja sagen. Dann können sie uns nicht mehr den Weg versperren." Die Störer, das sind nicht nur die alten Eliten der Türkei, sondern auch der Westen und Europa, die nur Erdoğan in Schach halten kann.

Für diese Frauen ist das Kopftuchverbot immer noch das zentrale Thema. Alle haben deshalb Ausgrenzung und Erniedrigung erlebt, ob in der Schule, an der Uni oder im späteren Arbeitsleben. Als fromme Muslime konnten sie keine Karrieren in den staatlichen Institutionen machen. Sie werde nie vergessen, sagt die Anwältin, wie Studentinnen aufgefordert wurden, einzeln in ein sogenanntes Überzeugungszimmer zu gehen, wo ihnen Druck gemacht wurde, das Haupt zu entblößen. Wer sich weigerte, dem wurde mit Exmatrikulation gedroht. Das änderte sich erst, als Erdoğans AKP 2002 an die Macht kam. "Ich kann heute überall Kopftuch tragen und arbeiten, ohne gezwungen zu sein, gegen die Gebote meines Glaubens zu verstoßen", sagt die Anwältin.

Während ihrer Studienzeit erreichten die Konflikte zwischen den Kemalisten – also den Vertretern des Laizismus und damit des Kopftuchverbots – und den Islamisch-Konservativen ihren Höhepunkt. Es waren die neunziger Jahre, und die prowestliche Staatsgewalt störte sich damals an den politischen Territorialgewinnen der islamisch-konservativen Parteien. So drohte die Armee 1997 ein weiteres Mal mit einem Putsch. Es kam zwar nicht dazu, aber infolge dieser Drohung wurden die Grundrechte islamisch-konservativer Bürger eingeschränkt. Das Kopftuchtragen im öffentlichen Raum wurde verboten und die von religiösen Kreisen bevorzugten Predigerschulen geschlossen.

Diese Tage haben weder die Erdoğan-Regierung noch die Menschen von Kayseri vergessen. Wer mit den Frauen hier spricht, erkennt: Damals wurde das Fundament der heutigen Macht Erdoğans gelegt.