Im Zeitschriftenladen in der Spiritualitätenecke blätterten wir in einem kitschigen Engelmagazin – "mehr Licht und Freude in deinem Leben" – und prompt lächelte uns der Ordensmann entgegen.Wir haben ihn uns als guten Geist vorgestellt, der in allen Buchhandlungen, Klosterläden und auf esoterischen Märkten präsent ist. Wir fragten uns: Wer steckt hinter dem Verkaufsschlager im Mönchsgewand? Wir sollten einen Weisen treffen.

Frage: Pater Anselm, Sie sind der bekannteste spirituelle Autor dieses Landes. 20 Millionen Auflage sprechen für sich. Ihre Bücher, Kalender und CDs werden massenweise vermarktet. Droht da nicht die Banalisierung?

Anselm Grün: Mein Anliegen ist, den christlichen Glauben so zu verkünden, dass die Menschen ihn verstehen. Meine einfache Sprache muss deshalb noch lange nicht banal sein. Mir ist wichtig, dass ich in keinen moralisierenden Ton verfalle. Wie sich das verkauft, geht mich nichts an.

Frage: Überlegen Sie sich wirklich nicht, was sich gut verkaufen könnte?

Grün: Natürlich kommen Anfragen von Verlagen, dann muss ich halt jedes Mal schauen: Reizt mich die Aufgabe? – Oft habe ich über ein Thema schon so viel gesagt, dass ich denke, das muss ich jetzt nicht wiederholen.

Frage: Die Menschen hängen an Ihren Lippen. Sie sind ein Lotse in mancherlei Leben. Ist denn damit nicht auch eine große Verantwortung verbunden?

Grün: Sicherlich, aber ich lege Wert darauf, keine Ratgeberbücher zu schreiben. Ich bin allergisch gegen diese amerikanischen Ratgeberbücher, die immer genau wissen, wie richtiges Leben geht. Ich versuche, aus dem Glauben heraus Antworten zu finden. Gebet, Meditation, der Umgang mit den Emotionen, das ist für mich eine der wesentlichen Glaubensfragen.

Frage: Wir fragten Sie nach der Verantwortung.

Grün: Gut. Ich spüre schon so etwas wie Verantwortung, ich habe beim Schreiben immer den konkreten Menschen im Blick. Und ich will ihm etwas sagen, was ich auch vor mir verantworten kann. Es geht mir um den Menschen, nicht darum, Kalendersprüche zwischen Buchdeckel zu pressen oder goldene Worte abzusondern.

Frage: Wenn man früher seelsorgerisch tätig war, konnte man noch von einer gemeinsamen kulturellen Plattform ausgehen, der christliche Rahmen war Common Sense. Heute auf dem Markt der Möglichkeiten wird das Christentum zu einem spirituellen Warenangebot. Was heißt das für Sie?

Grün: Ich versuche schon aus der christlichen Tradition heraus zu sprechen. Ich habe jetzt ein Buch über die Feste des Kirchenjahres geschrieben und eines über das Glaubensbekenntnis, das gerade erschienen ist. Ich will mich und den christlichen Glauben schon kenntlich machen. Aber ich will die christliche Tradition so auslegen, dass sie die Herzen der Leser berührt.

Frage: Aber manche Buchtitel klingen so konturlos spirituell, dass sich dahinter auch jede x-beliebige esoterische Vision verbergen kann.

Grün: Das kleine Buch vom wahren Glück – so etwas, meinen Sie? Da hat der Verlag etwas aus meinen Texten zusammengestellt. Das ist sicherlich nicht der Höhepunkt der Literatur. Und es besteht die Gefahr, dass die Vermarktung als Selbstzweck verstanden wird.

Frage: Und mit den Esoterikern wollen Sie nicht verwechselt werden?