Das Gerippe der Frau war sorgfältig arrangiert worden. Die Beinknochen lagen vor den Resten des Körpers, die Arme steckten im Inneren des Brustkorbs. Nur der Kopf fehlte. Doch alle Knochen der Extremitäten und des Oberkörpers hatte man – bis auf die seltsame Anordnung im Brustbereich – anatomisch korrekt platziert: Speiche neben Elle, Schien- neben dem Wadenbein, auch die kleinen Fuß- und Fingerknochen hintereinander geordnet, Gelenkstück an Gelenkstück.

Als die Ausgräber von Schkarat Msaied die Gebeine der Frau fanden, schien offensichtlich, dass nach ihrem Tod nicht allzu viel Zeit vergangen sein konnte, bevor man ihren Leichnam so herrichtete. Höchstens ein Jahr dürfte sie tot gewesen sein. Die Verwesung war noch nicht weit fortgeschritten. An Armen, Beinen und den Rippen müssen noch Haut, Muskeln und Sehnen vorhanden gewesen sein; sie hielten die Knochen zusammen.

Was sich vor mehr als 9.500 Jahren in der jungsteinzeitlichen Bergsiedlung nördlich der jordanischen Ruinenstadt Petra abspielte, ist kein Stoff für einen Splatterfilm. Trotz der für uns gruseligen Anmutung war das sorgfältige Arrangement der Leiche nur ein Zwischenstadium in einer Reihe von Ritualen, die damals zu einer vollständigen Bestattung gehörten. Bei jedem neuen Schritt verloren die Knochen ein bisschen mehr an Zusammenhalt. "Am Ende war das Individuum völlig aufgelöst, wie in der liturgischen Formel, die wir heute noch bei Begräbnissen verwenden", erklärt Moritz Kinzel vom Department of Cross-Cultural and Regional Studies an der Universität Kopenhagen: "Asche zu Asche, Staub zu Staub."

Seit 2011 gräbt Kinzel in Schkarat Msaied. Und er weiß, was als Nächstes mit den Knochen der Frau geschehen wäre – dank einer Steinkiste unter dem Fußboden im selben einstigen Raum, im sogenannten Gebäude F. In der Kiste lagen penibel geordnet die sterblichen Überreste von sechs Erwachsenen und zwei Jugendlichen. Sieben der Schädel lehnten aufrecht an der südlichen Seitenwand der Kiste. An der gegenüberliegenden Nordseite stapelten sich die Langknochen, zusammen mit flachen Skelettteilen wie Schulterblättern oder Becken. Alles, was sich nicht aufeinanderschichten ließ, hatte man in die Mitte geworfen: Unterkiefer, Rippen, Wirbel und die Einzelteile des zerbrochenen achten Schädels.

Bei weiteren Grabungen legten die Archäologen noch drei Steinkisten unter dem Boden von Gebäude F frei. Zwei waren leer bis auf ein paar übrig gebliebene Fingerknöchelchen und eine einzige große grüne Perle. Die dritte jedoch enthielt ein buntes Durcheinander von Gebeinen ohne jede Ordnung. Auch das Erdreich zwischen den Kisten war gespickt mit Knochen: kleine zerbrochene, abgeriebene Stücke. "Die Überreste wurden mehrmals bestattet und wieder ausgegraben", beschreibt Kinzel den zyklischen Totenbrauch. Zunächst hielt man sie noch in einer gewissen Ordnung. Mit jeder neuen Bestattung aber löste sich der Zusammenhang mehr und mehr auf, bis am Ende nur noch kleine Knochenteile übrig waren. "Erst dann hörte das Individuum auf zu existieren und wurde zum Teil einer Gemeinschaft."

Das Gebäude F liegt mitten im jungsteinzeitlichen Dorf. Es ist eines der größten Rundhäuser von Schkarat Msaied. Die umliegenden Raumeinheiten sind über kleine Mauern mit den Außenwänden des Totenhauses verbunden, als wollten sie an ein Mutterschiff andocken. Kinzel ist sich sicher: "Für Schkarat Msaied scheint das Gebäude eine zentrale Rolle gespielt zu haben – als Bezugspunkt, zur Festigung des Zusammenhalts."

Wie viele Tote unter dem Boden von Gebäude F lagen, lässt sich schwer schätzen, zu fragmentiert sind die meisten Überreste. Und sie blieben in ihren Steinkisten nicht allein. Die Menschenknochen sind vermischt mit denen von Schafen, Ziegen und Raubtieren, zum Beispiel Füchsen. "Das waren die Reste von Mahlzeiten", sagt Kinzel. Wo mit Steinklingen das Fleisch von den Tierknochen geschabt wurde, sind Schnittspuren zu sehen. Langknochen wurden aufgebrochen, um an das nahrhafte Mark zu kommen. Zudem fanden die Wissenschaftler nur die Reste essbarer Körperteile. Köpfe, Hufe oder Pfoten fehlten. "Zeitlich befinden wir uns hier in der frühen Jungsteinzeit, auf der Kippe der Domestizierung von Wildtieren zu Haustieren", merkt Kinzel an. Tiere ständig in nächster Umgebung zu halten war ein neues Konzept. Mit der Vermischung der Knochen nach dem Tod könnte diese neue Gemeinschaft symbolisch verfestigt worden sein. Zufällig gerieten die Tierknochen nicht in die Steinkisten.