Es ist Karwoche, die Woche des Kreuzwegs, an dessen Ende Jesus stirbt. Sie beginnt mit dem Palmsonntag. In Mitteleuropa mögen Palmwedel und Prozessionen nicht mehr so populär sein wie früher, doch im Nahen Osten sind christliche Bräuche jetzt wichtiger denn je. Man möchte einander versichern: Doch, wir sind noch da! Wer weiß, wie lange?

Denn Unsicherheit ist das beherrschende Lebensgefühl im Ursprungsgebiet des alten Christentums: Ägypten, Syrien, Irak ... Gewiss ist nur, die nächste Vertreibung, der nächste Bombenanschlag kommt. Diesmal, am Sonntag vor Ostern, traf es vierzig ägyptische Christen. Während des Gottesdienstes explodierten in zwei koptischen Kirchen – Mar Girgis im Nildelta und St. Markus in Alexandria – tödliche Sprengsätze.

Viele finden, Christenverfolgung sei ein Thema für die Rechte

Sogleich bekannte sich der "Islamische Staat" zum Mord an den "Ungläubigen". Sogleich verurteilten westliche Außenminister die Tat und wiederholte Ägyptens Regierung die Absicht, den Terrorismus "auszulöschen". Doch wer zuerst ausgelöscht sein wird, das dürften die orientalischen Christen sein. Deren Exodus (ein erklärtes Ziel der Islamisten, vor allem des IS) lässt sich durch politische Betroffenheit nicht aufhalten.

Für die Überlebenden der Anschläge klingen Worte der Betroffenheit längst nach Lüge. Sie sagen: Das christliche Europa lässt uns Christen im Stich. Man kann nun aus sicherer Distanz entgegnen, das sogenannte Abendland sei doch bloß eine Fiktion der AfD, und Hilfe speziell für verfolgte Christen sei unchristlich, weil Jesus die Nächstenliebe nicht für seine Anhänger reserviert hat. Die Verfolgten verstehen trotzdem nicht, warum ihre Mitchristen im Westen nicht wenigstens laut für sie streiten.

Beispiel Ägypten: Schon Ende Februar waren nach einer Mordserie Hunderte Kopten aus dem Sinai geflohen. In der Adventszeit starben bei einem Anschlag auf die Markus-Kathedrale in Kairo über dreißig Gottesdienstbesucher. Seit Langem ist die christliche Minderheit dieses vergleichsweise sicheren Landes bedroht. Nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mursi vor vier Jahren wurden über sechzig Kirchen niedergebrannt, seither werden Christen zwar von Präsident Al-Sissi geschützt, das macht sie für dessen Gegner aber erst recht interessant. Tragisch, dass orientalische Christen oft nur Autokraten als Beschützer haben: im Irak Saddam Hussein, in Syrien Assad.

Am Palmsonntag sagte deshalb der syrisch-orthodoxe Bischof von Mossul, Nikodemus Daoud Matti Scharaf: "Der Westen schert sich mehr um Frösche als um uns." Das ist polemisch, aber wahr. Denn die UN, die EU, die Nato haben es versäumt, nach dem Aufstieg der Terrormiliz IS zügig über militärisch gesicherte Schutzzonen zu reden. Bis heute gibt es keine. Es dauerte viel zu lange, bis die Christen des Nahen Ostens als verfolgte Gruppe anerkannt wurden – selbst von den USA, die 2014 immerhin den Vormarsch des IS auf die Flüchtlingsstadt Erbil stoppten. In Washingtons demokratischen Thinktanks finden viele, Christenverfolgung sei ein Thema für Fox News, also für Rechtsaußen. In Europa haben Kirchenvertreter Angst, als Rechte missverstanden zu werden, wenn sie sich für Christen einsetzen. So ist das Thema tatsächlich bei den Rechten gelandet, die es freudig instrumentalisieren und ihrerseits den Religionskrieg zwischen Christen und Muslimen prophezeien. Ist es wirklich so schwer, über das Drama der Christen zu reden und gleichzeitig klarzumachen, dass verfolgte Sunniten, Schiiten, Aleviten, Atheisten nicht minder schutzwürdig sind?

Am 28. April besucht Papst Franziskus, der in der Sache durch klare Worte auffiel, Ägypten. Die scharfen Sicherheitsvorkehrungen werden hektisch verschärft. Alle wissen, dass es gefährlich wird. Was kann er tun? Vielleicht unüberhörbar beten.

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