Das 20. Jahrhundert erfand die totale Mobilmachung der Massen, die totale Kontrolle, den totalen Krieg. Um mit dieser Geschichte fertigzuwerden, erfand das 21. Jahrhundert: das totale Theater.

Alles, wirklich alles passt in dieses Theater hinein. Auch ein Roman von 1.300 Seiten.

Der Roman trägt den Titel Das achte Leben (für Brilka), geschrieben hat ihn die deutsch-georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili. Es ist eine Familiensaga über sechs Generationen, die ein ganzes Land porträtiert, Georgien, und ein ganzes System, den real existierenden Sozialismus, plus dessen Ende oder besser: dessen Wandlung und Fortleben. Regisseurin Jette Steckel stemmt diese verworrene Geschichte mit allem auf die Bühne, was das Theater aufzubieten hat: mit schnellen Dialogen, mit vergrübelten Monologen, mit historischem Filmmaterial, mit Theaterdonner und Blitzlicht, mit Musik und Gesangseinlagen und immer wieder mit Tanz, weil das Leben so bewegt ist, von dem das Stück erzählt. Liebe und Hass, Anpassung und Widerstand, Mord und Selbstmord, Komik, Verdrängung, Trauer, wirklich alles passt in dieses Leben hinein.

Das Bühnenbild wird von einem riesigen roten Wandteppich dominiert. Auf dem Teppich abgebildet ist das Personal des roten Jahrhunderts, Lenin, Stalin, ein paar andere Bösewichte. Der Teppich symbolisiert das Gewebe der Geschichte, ihre ineinanderlaufenden Fäden. Er dient als Projektionsfläche für das Filmmaterial. Kriegsszenen und Propagandabilder eines leuchtenden sowjetischen Lebens flimmern über ihn hinweg.

Die Frauen prägen diese Geschichte. Mit den Schwestern Stasia Jaschi und Christine fängt sie an. Stasia (Barbara Nüsse) träumt in den zwanziger Jahren davon, als Tänzerin nach Paris zu gehen. Stattdessen heiratet sie einen Hauptmann, der bald darauf in der bolschewistischen Kriegsmaschinerie verschwindet. Ihre Halbschwester Christine (Karin Neuhäuser) ist glücklicher verheiratet, gerät aber aufgrund ihrer Schönheit in die Fänge des Vorgesetzten ihres Mannes, des obersten sowjetischen Geheimdienstlers. Und dann ist da noch die freiheitsliebende Dichterin Sopio Eristawi, eine Freundin von Stasia – und bald das erste Opfer von Stalins Säuberungen.

In der nächsten Generation müssen Stasias ungleiche Kinder Kostja und Kitty mit den irren Zeitläuften fertigwerden. Kitty (Maja Schöne) schlägt die dissidente Richtung von Sopio ein, Kostja (Sebastian Rudolph), ein Kraftbündel, das den neuen sozialistischen Menschen idealverkörpern will, wird zum glatten, kalten Apparatschik, der alles im Griff zu haben scheint. Nur nicht die eigene Tochter Elene (Cathérine Seifert), die wiederum ein Techtelmechtel mit Sopios Enkel Miqa hat.

Bevor jetzt allzu viele Namen herumschwirren, ein kurzer Blick, wie geschickt Jette Steckel die Geschichten bildlich verdichtet. Elene und Miqa sitzen am Tisch, ein Grammofon läuft. Elene springt auf den Tisch, zieht Miqa zu sich hinauf und stellt ihn auf den Plattenteller. Während der verdutzte Junge sich vor ihren Augen dreht und ihm der Kopf zu schwirren beginnt, greift Elene ihm kurz und präzise in die Hose, von vorne, von hinten: Komischer ist nie ein Mann verführt worden. Auch die Geschichte dreht dabei eine neue Runde, die nächste Generation ist das Ergebnis.

Dass diese Masse an Personal nicht das Stück sprengt, ist die Leistung der Schauspieler. Jeder von ihnen gibt den handelnden Personen einen einprägsamen Charakter. André Szymanski schafft es, die gesamte widerständige Eristawi-Familie zu verkörpern. Und Mirco Kreibich spielt nicht nur das Mädchen Brilka, sondern nebenbei zehn weitere Rollen, ohne dass irgendetwas durcheinanderginge.

Zum Ende des Stücks liegt der Teppich am Boden, er bedeckt die ganze Bühne, wird über die Kante Richtung Publikum geschoben und ergießt sich in den Saal, lang, sehr lang, als habe er kein Ende. Dann ist die Bühne frei und die Zukunft offen, offen für Brilka Jaschi, die das Leben noch vor sich hat.

Viereinhalb Stunden dauert Das achte Leben, am Ende meint man, mindestens 80 Leben seien vorübergerauscht. Man will mehr, irgendwas Irres machen, der seit Jahren toten Großmutter einen Brief schreiben, eine Freundin anrufen, der man nie gesagt hat, dass man sie damals geliebt hat, oder sich an den Schreibtisch setzen, mit ein paar dummen Ideen im Kopf und mit Dankbarkeit im Herzen. Das achte Leben, es belebt.