Noch immer ist der Schock über Donald Trumps Wahlsieg nicht verwunden. Warum konnte ausgerechnet so eine Persönlichkeit zur Projektionsfläche von Wünschen und Selbstbildern werden? Welchen Sehnsüchten, welchem Argwohn und Hass leiht er seine Stimme? Welche Tiefenschichten des kollektiven Unbewussten finden ihren Ausdruck in Trumps impulsiver und unkontrollierbarer Persönlichkeit?

Legt man die Kategorien von Freuds Seelenlehre zugrunde, dann ist die Beziehung zum populistischen Führer als Identifikation im Register des "Es" modelliert. Ihr einigendes Element besteht darin, nicht nur gegen die herrschende Politik, sondern auch gegen das mit ihr einhergehende Diskursregime aufzubegehren, gegen seine Redeweisen, Verhaltensnormen und Weltbilder. Durch diese Verbundenheit in der Revolte gewinnt sie für die Anhänger einen befreienden, ja enthemmenden Charakter. So erklärt sich das merkwürdig doppelte Gepräge von Moralismus und Exzess, das populistische Bewegungen kennzeichnet. Und es erklärt zugleich, warum die populistischen Führer so gar nichts von dem haben, was man angesichts ihrer Dauerkritik an der Verlogenheit und Verderbnis der herrschenden Klasse erwarten würde: Sie sind keine Sozialrevolutionäre, keine asketischen Armutsprediger, die das Übel aus dem Gemeinwesen heraustreiben wollen, keine aufrechten, geradlinigen, unbestechlichen, jeder Korruption denkbar fernstehenden Männer. Sondern protzige Neureiche wie Silvio Berlusconi und Donald Trump, die noch aus ihrem skandalösen Lebenswandel Kapital schlagen. Populisten präsentieren sich nicht als politische Führungspersönlichkeiten, sondern laden gerade in ihren vulgären oder pubertär-unreifen Zügen zur Vergemeinschaftung ein. Sie gleichen eher den Celebrities in Privatsendern als vorbildhaften Autoritäten.

Die Liberalen spielen in diesem Drehbuch den Gegenpart: Sie vertreten politische Regeln und Institutionen, sie verkörpern das bessere Wissen der Experten und den Moralismus derjenigen, die angeblich keine niederen Regungen kennen. Nach Maßgabe des psychoanalytischen Modells besetzen die Sachwalter der Staatsvernunft die Position des "Über-Ich". Ihre Amtsträger sind weniger das ausführende Organ politischer Instinkte und Wünsche; vielmehr treten sie als eine väterlich-erzieherische, zu Vernunft, Selbstbeherrschung, Kompromissbereitschaft und Geduld mahnende Instanz auf. Dieser Instanz die Gefolgschaft aufzukündigen und gegen die Entmündigung durch Expertenwissen und Political Correctness aufzubegehren verschafft eine Art von rebellischer Freude.

Zwei Vorstellungen von Demokratie stehen sich hier gegenüber. Die Liberalen sind in der Welt demokratischer Repräsentation und ihrer eingespielten Verfahren zu Hause – Verfahren, die das Wahlvolk zwar als Souverän anerkennen, es aber vom direkten politischen Handeln fernhalten. Dieses Modell politischer Stellvertretung ist aus einer tiefen Skepsis nicht nur gegenüber der Praxistauglichkeit, sondern auch gegenüber der Wünschbarkeit einer solchen Selbstregierung des Volkes erwachsen. Genau das aber wird in der Rhetorik der Populisten als Bevormundung verunglimpft, als Verfälschung des Wählerwillens. Stattdessen wollen sie dem "Volk selbst" zur Macht verhelfen – eine Forderung, die sich auf eine lange Ahnenreihe berufen kann, unter anderem auf Jean-Jacques Rousseau.

Über die Gründe für den Erfolg populistischer Strömungen ist seither viel geschrieben worden. Die blinde Stelle des liberalen Diskurses aber ist der Liberalismus selbst. Während der Populismus ein vergleichsweise junges Phänomen ist – der Begriff wurde um die vorletzte Jahrhundertwende durch die hauptsächlich von Farmern getragene Populist Party beziehungsweise Peoples’ Party in das politische Vokabular Amerikas eingeführt –, trägt der Liberalismus als eine sich in viele Seitenarme verzweigende politische Philosophie ein sehr viel älteres Erbe voller Widersprüche mit sich herum. Seine Anfänge reichen noch in den Ständestaat und in die Verteidigung ständischer Freiheiten gegen den Übergriff des Monarchen zurück. Bevor er im 19. Jahrhundert in unterschiedliche Parteiprogramme zerfiel, war mit dem Attribut "liberal" vor allem eine vorurteilsfreie, fortschrittszugewandte Geisteshaltung bezeichnet.

Um zu einer wahrhaft "liberalen Bildung des Geistes" befähigt zu sein, musste man allerdings auch eine materielle Unabhängigkeit genießen, und mit derartigen Vorbehalten wurden dann Einschränkungen des Wahlrechts und der politischen Mitsprache begründet. Abgemildert wurden diese Einschränkungen durch eine für den Liberalismus lange Zeit charakteristische Zuversicht, dass die unaufhaltsame Höherentwicklung der Menschheit eines Tages jeden in den Stand setzen werde, ein verantwortlicher Staatsbürger im Vollbesitz seiner Rechte zu werden.