In einem Berliner Hinterhof sind gerade überraschend zwei sehr alte Herren aufeinandergeprallt, wegen ihrer Vorstellungen von Demokratie. Platon ist der Name des einen, der in seiner Politeia die Herrschaft in die Hände von nur wenigen legen wollte, reserviert für die Klügsten, weil das Volk leider zu dumm sei; Aristoteles ist der Name des anderen, der in seiner Politika in jedem einzelnen Menschen ein politisches Wesen auf der Suche nach dem Gemeinwohl erkannte und die Polis für die natürliche Arena eines jeden hielt. Das war vor knapp 2.500 Jahren.

Wie brandaktuell der antike Stoff Aristoteles versus Platon angesichts der nervenaufreibenden Mehrheitsentscheidungen des demos inszeniert werden kann, lässt der intellektuelle Streit zwischen der europäischen Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und ihrem US-amerikanischen Kollegen Jason Brennan spüren. Weil beide mit neuen Büchern im Frühjahrsprogramm des Ullstein-Verlags auftreten, bat dieser sie an einem Frühlingsabend auf die kleine Bühne seines Verlagshauses im Hinterhof an der Friedrichstraße, zu Wein und Brezeln, auch für das Publikum.

Jason Brennan also, ein jovialer Rundumprofessor für Strategie, Wirtschaft, Ethik und Staatswissenschaft in Georgetown: Der stämmige Mann im Anzug gibt die wortgewandte US-Version eines Platon-Updates, er hält den Sieg Trumps für einen "Tanz der Trottel", beklagt die Uninformiertheit der Brexit-Voter, hat erdrückend deprimierendes Material zur Kenntnislosigkeit aller Wähler zur Hand und plädiert also für eine Epistokratie, für das Wahlrecht nur der gut Informierten. Demgegenüber Ulrike Guérot, Direktorin des European Democracy Lab, rothaarig, grünes Samtjackett, Stiefeletten, als aktualisierte Aristotelikerin, eine leidenschaftliche Fürsprecherin der europäischen Republik, in der es um mehr ginge als nur das Wahlrecht, in der jeder in seinem Dorf, seiner Stadt spürbar verantwortlich wäre für das, was er wählt, und das Politische erst mit anderen im Prozess entstünde. Als Tätigkeit und Erfahrung, ganz im Sinne der anderen Aristotelikerin Hannah Arendt.

Ein Verlag, zwei Bücher, punktgenau in die neu-nervöse Politisierung der Gesellschaft platziert: Brennans empirisch gesättigtes Buch Gegen Demokratie, gebunden in grellem Pink, ist schon erschienen, Guérots Kampfschrift Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde kommt erst im Mai, aber was drinsteht, trägt sie in der gesamteuropäischen Öffentlichkeit als reisende public intellectual bereits in die Debatte, auch hier: die Utopie einer Europa-Republik der Städte und Regionen, jenseits des alten Nationalstaates, geboren aus der drohenden Spaltung der Gesellschaften, deren Überwindung sie sein soll. Guérot bringt Brennan argumentativ in die Enge, hoch beschleunigt, pointiert, witzig, mit Szenenapplaus zumal für den reizvollen dialektischen Umschlag ihres Arguments: Platon habe ja recht, auf die Mehrheit allein ist kein Verlass, die bringt bisweilen sogar einen Sokrates um; und dennoch obsiegt Aristoteles, denn auch die bestens Informierten fügen dem Gemeinwohl oft Schaden zu (wie sich an den Oxbridge-Absolventen unter den gewählten Rechtspopulisten vom Ungarn Orbán bis zum Briten Johnson leicht zeigen lässt). Auch sie können erst im politischen Prozess unter Gleichen klug werden. Und das Publikum diskutierte, als hätte es auf solchen Streit allzu lange gewartet.