Was aussieht wie Müll, ist kein Müll. Jedenfalls nicht für den Künstler Daniel Knorr, der mit seinem Team losgezogen ist, um auf den Straßen und Plätzen Athens möglichst viel von dem aufzulesen, was die Leute achtlos wegwerfen und doch bewahrt werden sollte: Das kaputte Spielzeug, die SIM-Karte, der Geschäftsstempel eines wohl nicht mehr existierenden Unternehmens, all das sind, sagt der 1968 in Rumänien geborene, heute in Berlin lebende Knorr, nur "wertfreie Dinge" und damit der Rohstoff seiner Kunst. Er pickt sich einzelne Stücke aus seinem Haufen, füllt damit die weißen Seiten eines leeren Buches und steckt das Buch dann vor Ort so lange in eine Presse, bis sich die Fundstücke tief in die Seiten eingeprägt haben. Die Alben sind eine archäologische Arbeit des gegenwärtigen Alltags. Zugleich sind sie eines der wenigen Kunstwerke auf der am vergangenen Wochenende in Athen eröffneten Documenta 14, die man gleich vor Ort kaufen und mitnehmen kann. Ein Buch kostet 79 Euro, nicht viel Geld für ein Unikat, denn jedes Buch hat ja seine eigene Geschichte der "wertfreien" Dinge.

Schon lange gab es keine internationale Großausstellung mehr, die so wenig mit dem Kunstmarkt zu tun haben wollte wie diese Documenta. Ein Großteil der mehr als über 150 eingeladenen Künstler spielt – anders als Daniel Knorr – auf dem globalen Markt bisher keine Rolle. Viele von ihnen sind mit ihrer Kunst kommerziell erfolglos, längst verstorben oder stammen aus Weltregionen, die an den etablierten Kunstmarkt nur lose angeschlossen sind. Aber auch bei jenen Künstlern, die von mächtigen Galerien vertreten werden, wird bei der Beschilderung der Kunstwerke in Athen nicht wie sonst üblich auf die Namen der Galerien verwiesen. Ganz bewusst hat die Documenta 14 versucht, sich von der Querfinanzierung durch den Markt möglichst frei zu machen.

Zu groß und sichtbar ist der Einfluss der großen Galerien etwa auf der Venedig-Biennale 2015 gewesen, wo erstaunlich viele der ausgestellten Künstler aus dem Programm der Global Player wie David Zwirner und Gagosian stammten. Während der Ausstellungseröffnung waren damals ganze Heerscharen von Galeriemitarbeitern neben den Werken der von ihnen vertretenen Künstler positioniert worden, um diese wie auf einer Kunstmesse an die angereisten Sammler zu verkaufen.

Anders als die von der öffentlichen Hand notorisch unterfinanzierte Venedig-Biennale erhält die Documenta immerhin 17 Millionen Euro an Steuergeldern, von der Stadt Kassel, dem Land Hessen und der Bundeskulturstiftung. Weitere 17 Millionen muss die Documenta, erläutert deren Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, selbst erwirtschaften, durch den Verkauf von Eintrittskarten und Katalogen sowie das Einwerben von Geldern bei Stiftungen, staatlichen Kulturinstitutionen und anderen Sponsoren. Privatsammler habe man gebeten, so Kulenkampff, Geld nicht für die Produktion einzelner Kunstwerke zu spenden, sondern sie in die allgemeine Kasse zu stecken, aus der dann alle Projekte finanziert werden könnten. Eine Art von Mäzenatentum, die viele Sammler eher abschreckte.

Da aber auch das durch die Documenta gesammelte Geld bei manchen Kunstproduktionen nicht ausreichte – gerade die hohe Zahl an Performance-, Musik- und Filmproduktionen hat zu einem enormen Anstieg der Kosten geführt –, mussten die Künstler oft selbst noch Wege der Finanzierung finden. So sammelt jetzt Daniel Knorr mit dem Verkauf der Müll-Alben einen Teil jenes Geldes ein, das er für ein anderes Kunstwerk in Kassel braucht: Seit vergangenem Samstag steigt dort vom Zwehrenturm, der die Kunsthalle Fridericianum überragt, täglich zwischen 10 und 20 Uhr weißer Rauch auf, und zwar in so dichten Wolken, dass bei einem Probelauf trotz Vorwarnung die Feuerwehr anrückte. Knorr hat sich professionelle Rauchgeneratoren besorgt, wie sie auch in Großraumdiscos oder vom Militär benutzt werden, sie sollen "warme Signale" von Kassel nach Athen schicken. Allein durch den Verkauf der Bücher, die er schon an den ersten beiden Vorbesichtigungstagen in Athen loswurde, sagt er, könne er den Turm in Kassel eine Woche qualmen lassen.