Er geht, er federt, nein, er swingt durch die Gassen von Kibera, dem größten Slum Ostafrikas. Sein Turnschuh wirbelt Staub auf, weicht behende einem Abwasser-Rinnsaal aus, drückt sich vorbei an tausend anderen Schuhen. Vorbei am Beauty Salon "Zum bescheidenen Anfang", vorbei an der Fleischerei "Höchste Qualität", vorbei am Hotel "Anmut", das aus einer Tür, einem Fenster und einem Wellblechdach besteht.

Ein Schritt wie der von Leonard Odhiambo, 26, ist nicht nur Fortbewegung, sondern Ansage: I float like a butterfly, sting like a bee. Muhammad Ali hat das gesagt, und der ist neben den Klitschko-Brüdern Odhiambos Vorbild, denn er ist Boxer. Nicht professionell, das wollte er dann doch nicht, "zu viele Schläge aufs Hirn". Trotzdem steht er morgens um sechs auf und trainiert: Joggen, Gewichte, Sandsack, Sparring. Boxen, sagt Odhiambo, hilft dir zu denken, bevor du etwas tust. "Du bleibst ruhig. Entspannst dich. Lernst Disziplin."

All diese Qualitäten braucht er für sein Gewerbe. Nicht, dass er nur einer einzigen Arbeit nachgehen würde, Odhiambo, schnelles Mundwerk, federleichtes Lachen, ist ein Mann von vielen Berufen. "Wäre ich in einem schicken Viertel aufgewachsen, wäre ich faul. Hier im Slum aber musst du dich auf dich selbst verlassen können. Du musst ein Hansdampf in allen Gassen sein." Er hat Grafikdesign studiert, entwirft Visitenkarten und Firmenlogos, manchmal führt er Touristen durch den Slum, der im Südwesten der kenianischen Hauptstadt Nairobi liegt. Am längsten aber geht er einem Gewerbe nach, das nicht gerade zu den klassischen Ausbildungsberufen zählt: Seit sechs Jahren klaut Odhiambo Strom.

Dreimal bekam Odhiambo einen Schlag, einmal fiel er ohnmächtig von der Leiter

Kurz gesagt, besteht sein Geschäftsmodell darin, Strom des offiziellen Anbieters zu klauen und ihn dann an die Bewohner des Slums zu verkaufen. Es ist ein Job voller Risiken und Gefahren. Dreimal schon durchzuckte der Strom Odhiambos Körper, einmal fiel er ohnmächtig von der Leiter herunter. "Aber hey", sagt Odhiambo, "das Geld ist süß."

Läuft man durch den Slum, sieht man die Strommasten des offiziellen Stromanbieters KPLC (Kenya Power and Lighting Company). Dieser aber versorgt die Bewohner nicht mit Strom. Er leitet ihn nur durch den Slum hindurch. Vor ein paar Jahren hat das Unternehmen versucht, Stromverbindungen für die Haushalte von Kibera zu legen. Die Installateure kamen mit vielen Polizisten, die Bewohner aber bekämpften sie und warfen Steine, sie wollten ihren Strom nicht von einer Firma wie KPLC, sondern lieber von jemandem wie Odhiambo beziehen.

Strom ist in Kenia staatlich subventioniert und nicht teuer. Doch viele hier leben umgerechnet von weniger als einem Dollar am Tag, sie achten auf jeden Cent. Odhiambos Kunden zahlen im Monat zwischen 200 und 500 kenianische Schilling, umgerechnet zwischen 1,80 und 4,60 Euro, je nachdem, ob sie nur eine Glühbirne benutzten oder auch einen Kühlschrank. Ein offizieller Anschluss wäre viel teurer, allein die Grundgebühr kostet 150 Schilling.

Eigentlich wollte Odhiambo nie Stromdieb werden. "Ich hatte nicht nur höllisch Angst vor Elektrizität, sondern auch vor der Höhe der Leiter", sagt er. Sein Vater aber, der als Elektriker in den "schicken Vierteln" arbeitet, bestand darauf. Der Sohn sollte ein Auskommen haben. Nacht für Nacht schickte er Odhimabo zum Stromklauen, brachte ihm bei, wie das geht: Atme tief durch. Steig die Leiter hinauf zu den Stromkabeln von KPLC. Leuchte die vier Kabel an. Geh auf das gelbe, da ist am meisten Strom drauf. Miss den Strom mit dem Tester, setz deinen Haken, kappe das Hauptkabel. Leg deine Diebeskabel nach unten. Erst wenn du das getan hast, kannst du den Strom wieder fließen lassen. Das ist das Wichtigste, vergiss es nicht. Sonst durchzuckt dich der Strom, bumm, dir wird entsetzlich kalt, du wirst grauenhaft müde. Sie geben dir dann Milch zu trinken, damit sich die Neuronen in deinem Körper wieder neutralisieren. Aber du weißt ja, wie viele im Jahr hier an Stromschlägen sterben.

Wer von den Gassen Kiberas in den Himmel schaut, sieht ganze Kabelnester, die sich an die offiziellen Leitungen krallen – das Werk der Stromdiebe. Ihre Haken haben sie mit Draht umwickelt, ihre Diebesleitungen verlaufen in alle Himmelsrichtungen. Bisweilen sind sie mit Zweig- und Astkonstruktionen voneinander getrennt, die im Wind schwanken. Die Kabel führen zu Holz- und Wellblechhütten, schmiegen sich an Hauswände, ragen aus dem Erdboden hervor. "Du hast zwei Möglichkeiten", sagt Odhiambo. "Du kannst deine Kabel ober- oder unterirdisch verlegen. Beides ist kreuzgefährlich." Das oberirdische Kabel kann herunterfallen, wenn der Wind zu stark weht. Stürzt es auf ein Wellblechdach, können die Menschen darunter durch einen Stromschlag sterben. Fällt es auf eine Hütte, kann Feuer ausbrechen. "Verlegst du sie unterirdisch, in der weichen Erde, können sie in der Regenzeit nass werden." Tritt einer der Slumbewohner darauf, kann ihn der Stromschlag treffen. In jedem Jahr sterben etwa 20 Menschen in Kibera an Stromschlägen.