Die "Ernst-Moritz-Arndt-Sicht" zwischen dem Königsstuhl und den Wissower Klinken ist der berühmte Sahneblick auf eine der deutschesten Landschaften überhaupt, auf die Kreidefelsen von Rügen. Auch an dieser Felsnase nagen die Winde und die Wellen, und der Wanderer weiß keinen wirklich festen Boden unter sich zu haben. Das war lange nur ein geologisches Problem, jetzt ist es auch ein politisches geworden. Denn der Namenspatron Ernst Moritz Arndt steht buchstäblich in der Kreide, seit der Senat der Universität Greifswald beschlossen hat, ihn aus seinem Titel zu verbannen. Seither toben an der Ostseeküste nicht nur Winde und Wellen, sondern ein veritabler Historikerstreit.

Soll man, darf man sich dieses Barden der Freiheitskriege und der deutschen Einheit noch rühmen oder gehört auch er in den Orkus Dunkeldeutschlands? Die Greifswalder sagen mehrheitlich Nein zu dieser Entsorgung, eine Gruppe von studentischen Hilfskräften des Zeitgeistes aber laut und vernehmlich Ja. Also beschloss der wackere Senat mit deutlicher Mehrheit: Der Arndt kommt weg. Die historischen Putzkolonnen waren schon unterwegs, da legte sich ihnen das deutscheste aller Hindernisse in den Weg, der Formfehler. Das verschafft jetzt wenigstens Zeit, über Sinn und Unsinn des Ganzen noch einmal nachdenken zu können.

Ausgerechnet Ernst Moritz Arndt! Wer kennt ihn denn noch? Bei einer Umfrage in den Bonner Gefilden, wo Arndt maßgeblich wirkte und wo man heutzutage schon Konrad Adenauer buchstabieren muss, würde man sich wohl überwiegend nur Achselzucken einhandeln. Und der Vorschlag, die Universität Greifswald lieber gleich nach dem Fußballer Toni Kroos zu benennen, offenbart den Resonanzraum, auf den diese Debatte jetzt trifft. "Tant de bruit pour une omelette" würden die leichtsinnigen Franzosen, die Arndt so gar nicht mochte, dazu sagen, bevor sie den Eierkuchen aus dem Fenster geworfen hätten. Aber spätestens dann hätten die studentischen Hilfskräfte in Greifswald und ihre verunsicherten Juniorprofessoren ein neues Thema und würden wohl das vegane Omelett einfordern. Oder gleich die vegane Universität.

Es ist schon eine sehr typische Auseinandersetzung, die da gerade im Nordosten tobt und die mit Geschichte tatsächlich umgeht, als sei sie aus Plastilin. Da hatte Raoul Löbbert schon recht, der die Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Streiter vor einer Woche in Christ&Welt auf Freuds Couch legen wollte.

Sie können es sich aussuchen, ob man sie nur für verstockte Ossis halten soll oder auch noch für alte Knaster, denen man schleunigst ihr undemokratisches Übergangsobjekt wegnehmen muss, so mürrisch sie auch dreinblicken mögen. Daran, so möchte man diesen Fischköppen zurufen, müsst ihr euch seit eurer friedlichen Revolution endlich gewöhnen, dass ihr von juvenilen Schlaumeiern aus dem Westen heimgesucht werdet, die euch in den Neunzigern mit dem frischen BWL-Diplom in der Tasche die Marktwirtschaft beibrachten und euch heute egotherapeutisch zu trainieren versuchen, wie ein aufrechter Gang unter Demokraten so geht. Dass dabei viel von historischem Kneten die Rede ist, muss euch nicht weiter stören. Mit Seelenmassage hat das auch nichts zu tun. Diese posthistorische Generation hat Geschichte nur aus Plastilin kennengelernt und wundert sich höchstens, dass ein bekannter Kneteanbieter heute den Namen Wehrfritz noch trägt. Für diese Generation ist Geschichte eben wie ein Computerspiel. "Bert the Barbarian" ist mit Plastilin animiert worden, genauso wie "Chicken Run" oder die "Plonsters".

Im Fall von Ernst Moritz Arndt hört dieser Spaß aber auf. Da ist es mit "Dark Oberon" nicht getan. Da wird es richtig ernst, bierernst sozusagen, wenn nicht schon wieder von einem urdeutschen Getränk die Rede wäre. Den Greifswaldern muss ihr Säulenheiliger Arndt einfach weggenommen werden wie unreifen Kindern das Nutellaglas.

Der Historiker Götz Aly, der nun wirklich der Geschichtsklitterung unverdächtig ist, hat sie Geschichtsexorzisten genannt, die verbissen und humorlos eine Siegergeschichte schreiben, die längst keine Sieger mehr kennt. Heute wäre besser von Trollen die Rede, von Geschichtstrollen also, die selbst der Kanzlerin verübeln, dass sie fassungslos auf die Nachricht aus Greifswald reagierte und die verordnete Heimatlosigkeit nicht ertrug.