Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Kürzlich feierte Europa den Vertrag von Rom, der vor 60 Jahren unterschrieben wurde. Doch die Stimmung war getrübt, die EU steckt in der Krise. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker fühlte sich deshalb gezwungen, pünktlich zum Jubiläum, ein Weißbuch mit fünf möglichen zukünftigen Formen der EU vorzustellen. Man spricht unter anderem wieder von einer Union der verschiedenen Geschwindigkeiten; das ist nichts Neues, die Idee wurde schon in den neunziger Jahren erfolglos propagiert. Vor allem aber: Dem Juncker-"Pflästerli" wird es nicht gelingen, die zwei großen Risse in der EU zu heilen.

Bei jeder EU-Deklamation wird der Hauptzweck der Union wiederholt: Sie will eine immer enger werdende Union der Nationen sein, die entsprechend auf Teile ihrer nationalen Souveränität verzichten. So sind im Jahr 2004 unter der Kommission von Romano Prodi 14 neue Nationen der EU beigetreten. Man hat aber vergessen, dass für viele dieser Länder – Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien und die baltischen Staaten – nach Jahren von kommunistischer Unterdrückung nichts wichtiger war, als die wiedererlangte Eigenstaatlichkeit zu wahren. In der EU suchten sie, neben dem Geld, das man immer gerne nimmt, vor allem Schutz gegen zukünftige mögliche Ansprüche von Russland. Aber die ehemaligen Ostblock-Staaten waren um keinen Preis bereit, für eine immer engere Union auf Teile ihrer wiedergewonnenen Souveränität zu verzichten. Das zeigt sich zum Beispiel in der Migrationspolitik.

Trennt der eine Riss den Osten und Westen der EU, teilt der andere den Süden und den Norden. Also die verschuldeten Staaten wie Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, aber auch Frankreich und die prosperierenden Nordländer, angeführt von Deutschland. Der Süden hofft, er könne dank der Union seine Schulden verallgemeinern, und spekuliert auf europäische Bonds, dank deren er noch mehr fremdes Geld aufnehmen kann.

Wie ungleich die Union ist, zeigt sich zum Beispiel in den Nationalkonti bei der Europäischen Zentralbank. Außer Deutschland mit einem Guthaben von rund 700 Milliarden Euro sowie wenigen anderen nördlichen Ländern sind alle übrigen EU-Mitglieder Schuldner. Sie stehen bei der EZB mit Beträgen in der Kreide, die sie nie werden zurückzahlen können. So schuldet Italien der Zentralbank 380 Milliarden Euro. Um diese Unsumme zu tilgen, hilft auch kein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Solange diese zwei Risse die Union von Nord nach Süd und von West nach Ost durchziehen, solange die Mitgliedsländer gegensätzliche Ziele verfolgen, wenn es um ihre eigene Souveränität oder um ihren Staatshaushalt geht, so lange wird die EU halb gelähmt bleiben – und in den wichtigsten Fragen praktisch beschlussunfähig sein.

Der Geist im Vertrag von Rom ist beachtenswert. Aber wir dürfen uns von der Bewunderung für die Vergangenheit nicht blenden lassen – und deshalb die heutige reale Situation schönmalen.

Über ein Europa der Zukunft nachzudenken, das ist eine Verpflichtung. Nicht nur für Herrn Juncker. Aber man wird keine echte Lösung finden, wenn man sich erstens weigert, die Realität anzuerkennen, und zweitens die Fehler der EU während der vergangenen 60 Jahre einfach ignoriert.

PS: Im Rahmen der Jubiläumsfeiern wurde auch immer wieder betont, dank der EU habe es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr gegeben. Wie kann man so etwas nur behaupten? In den neunziger Jahren tobten auf dem Balkan blutige Konflikte, die nur dank der Intervention der USA endeten. Immerhin: Heutzutage ist es tatsächlich schwierig, sich einen Krieg in Europa vorzustellen. Den EU-Staaten fehlen dafür das Geld, die Waffen – und die Heere.