Also, wie sind sie, diese Storys? Was hat man zu halten von den als Sensation über uns kommenden Erzählungen, den noch nie publizierten, jungfräulich auftretenden Geschichten von F. Scott Fitzgerald, der eines der größten Talente der amerikanischen Literatur war, ein einziges Versprechen an die Literaturgeschichte, nachdem er mit nur 24 Jahren, im Jahre 1920, seinen ersten Roman veröffentlicht hatte, Diesseits vom Paradies. 50.000 verkaufte Bücher! Sind diese Storys so verwegen wie Der große Gatsby von 1925, sind sie so verzweifelt? Haben sie den Sound von Zärtlich war die Nacht von 1934 oder den Glitter des Jazz-Age, dem Scott Fitzgerald seinen Namen gab? Hört man das nervenzerfetzende Kreischen seiner Streitereien mit Zelda Fitzgerald, der Liebe seines Lebens, heraus?

Oder haben sie all das nicht?

Dann wäre das natürlich ein wenig enttäuschend, nach der ganzen Vorfreude. Wie der Verlauf der Dinge so oft ernüchternd war bei Fitzgerald, der soff bis zum Koma und über seine Verhältnisse lebte – und den Erwartungen seines Verlegers, seiner Freunde und seiner Ehefrau, vor allen Dingen aber den eigenen Erwartungen so furchtbar oft nicht gerecht wurde. Der sein Leben als enttäuschende Mühe erlebte. Und 20 Jahre, nachdem er wie ein Komet abgegangen war, 20 Jahre, vier Romane und viele Skandale später umfiel, Herzinfarkt, aus. Dann Zeldas Tod, acht Jahre später, 1948, die ihrem verstorbenen Gemahl sogar noch in der letzten Szene die Dramatik stahl: Sie verbrannte in ihrem Bett in einer Nervenheilanstalt.

Es sind 18 Stücke, die in dem Buch Für dich würde ich sterben versammelt sind, das in Deutschland sogar zwei Wochen vor der amerikanischen Ausgabe erscheint, womit jetzt das Copyright beim Verlag Hoffmann und Campe liegt, ein toller Coup. Einige Geschichten stammen aus dem großen Archivbestand, den "Fitzgerald Papers", welche die Tochter Scottie im Jahre 1950 der Firestone Library der Universität Princeton übergab, 57 Kisten. Als die Herausgeberin des nun vorliegenden Bandes, die New Yorker Literaturdozentin Ann Margaret Daniel, eine junge Doktorandin in Princeton war und in diesen Fitzgerald Papers stöberte, las sie schon diese Storys, die nie veröffentlicht worden waren. Aber sie erschienen ihr zu wenige für ein Buch. Dann, 2012, tauchten sechs weitere unbekannte Erzählungen auf, die in den Archiven vergraben waren, von denen niemand etwas gewusst hatte, und nun sind all diese unveröffentlichten Geschichten erstmals versammelt.

Es wird schwierig mit dem Schreiben

Nur eine Erzählung, Spielschulden, stammt von 1920, also aus Fitzgeralds früher Phase. Die meisten der anderen Geschichten entstanden in den Jahren 1935/36, die für die Fitzgeralds schicksalhaft waren. Er lebte in dieser Zeit in verschiedenen Hotels in North Carolina, und Zelda, die 1933 ihren dritten Nervenzusammenbruch erlitten hatte, lebte erst in der einen und dann in einer anderen Heilanstalt. Es ist die Zeit, in der Fitzgerald einsieht, dass es schwierig wird mit dem Schreiben. Die meisten der Geschichten, die in diesem Buch versammelt sind, wurden ihm von den Zeitungen zurückgegeben, mit Wünschen nach Korrekturen. Der Autor, ziemlich stur, legte sie aber lieber beiseite, statt sie zu überarbeiten. Nur: Wovon leben und die Rechnungen bezahlen? Im Juli 1937 entscheidet sich Fitzgerald, in Hollywood bei Metro-Goldwyn-Mayer als Skriptschreiber anzuheuern, 1.000 Dollar die Woche, immerhin.

Zurückgegebene Texte also. Erstaunlich, F. Scott Fitzgerald war ja ein Profi. Er hat wie besessen geschrieben, übrigens schon in der Schule, er hat gelegentlich drei Erzählungen in einer Woche rausgehauen und in seinem Leben über 170 Erzählungen publiziert, allein 65 davon in der Saturday Evening Post, einem Wochenmagazin mit der Wahnsinnsauflage von 2.750.000 Exemplaren. Man kann sich heute über die Listen seiner publizierten Storys beugen, die der Autor selber anlegte, saubere Tabellen, in denen er in einer geradezu mädchenhaft peniblen Schrift alle Titel verzeichnete, mit Zahlen durchnummerierte, 1) und 2) und 3), Ort der Publikation, Honorar. Es geht los mit 200 Dollar, steigert sich schon im Jahr 1920 auf 400, explodierte auf 900 Dollar, für die Geschichte The Rich Boy wird er im Jahre 1926 tatsächlich 3.500 Dollar bekommen. Die Leute reißen sich um Fitzgerald-Erzählungen, sie werden gesammelt zu Kollektionen, der Band All the Sad Young Men etwa erscheint im Februar 1926 mit einer Erstauflage von 10.000 Stück. Und das in einer literarischen Landschaft, die nicht arm war an konkurrierenden Talenten, John Dos Passos, Edith Wharton, William Faulkner, Willa Cather, Ernest Hemingway, um mal ein paar zu nennen.

Die Erzählungen waren also vorrangig Broterwerb. Berühmterweise kritisierte sein konkurrierender Freund Ernest Hemingway das schnelle Wegschreiben, während Fitzgerald im Gegenteil das Herzblut bedauerte, das in sie geflossen sei. In seinem Tagebuch notiert er in diesen Mittdreißigern, in denen also die meisten der hier vorliegenden Geschichten entstanden: "Ich habe meinen Emotionen einiges abverlangt – 120 Geschichten. Der Preis war hoch, in jeder gab es einen kleinen Tropfen – nicht von Blut oder Tränen, sondern ein Tropfen von etwas viel Intimerem, in jeder Geschichte steckt dieses Extra, das ich hergab. Und jetzt ist es weg, und ich bin einer wie alle."

Die erste Geschichte ist eine freche Burleske über die groß geplante Veröffentlichung eines Bestsellers über den Tod eines jungen Mannes, der plötzlich auftaucht und mitmischt. Flotte Unterhaltung. Die Charaktere sind gekonnt skizziert und werden in witzigen Dialogen ausgemalt.