Aaah, ein Gesetz wie ein Frühjahrsgruß! Gerade in dem Moment, wo gefährlich viele Leute nicht mehr so recht wissen, wozu es die Grünen eigentlich noch braucht, präsentieren sie in der Bundeshauptstadt ein politisches Lebenszeichen mit unverwechselbar grüner Handschrift. Das neue Fahrradgesetz des rot-rot-grünen Berliner Senats ist radikal, lebensnah und großstädtisch.

100 neue Kilometer fürs Rad. Grüne Wellen soll es geben, und Schnellstraßen. 100.000 neue Abstellplätze. Und dann etwas, das jetzt schon bei CDU, AfD und FDP die Halsschlagadern anschwellen lässt: Auf allen Hauptstraßen sollen in den nächsten Jahren breite Fahrradwege entstehen. Es werden also ganze Spuren und kostenlose Parkplätze für Autos entfallen – ein Casus Belli. Von "grüner Erziehungsdiktatur", von "Autofeindlichkeit" ist schon die Rede. There will be blood.

Es wird so ähnlich gehen wie zuvor mit dem Sicherheitsgurt, mit Tempo 30 und den Busspuren. Aus der angeblichen Freiheitsberaubung und staatlichen Gängelung wird im Laufe der Zeit neue Lebensqualität, auf die keiner mehr verzichten will.

Autos sind ja hierzulande, was Waffen in Amerika sind: Fass meins nicht an, sonst bist du tot. Spätestens seit der polnische Außenminister Witold Waszczykowski vor einem Weltbild warnte, in dem "Radfahrer, Vegetarier und Rassenmix" die einzig vorstellbare Zukunft seien, hat die Sache mit dem Fahrrad eine ganz neue weltanschauliche Brisanz bekommen. Bratlinge, Windräder und Frauen-Frauen auf der einen Seite; Atomwürste, Herrenwitze und SUVs auf der anderen: Die Konfrontation zwischen Autoritarismus und Liberalität fängt auf dem Teller an und wird auf den Straßen mit Härte ausgetragen. Von 2012 bis 2016 starben in Berlin 61 Radfahrer, in Stockholm kein einziger. Selbst auf Straßen im Umland, auf denen weit und breit kein Stau und keine Enge den Autofahrer einschränken, kann man gefährliche Fälle von road rage erleben – Autofahrer, die über die schiere Präsenz einer Radlerin so in Wut geraten, dass sie einem bis auf wenige Zentimeter an den Arsch heranfahren. (Ich weiß: Auch viele Fahrradkollegen sind rücksichtslos und unverschämt. Von den 7495 Berliner Unfällen mit Radfahrerbeteiligung waren 3848 von Radlern verursacht. Aber am Ende gilt: Blech sticht Muskel, es hilft ja nichts.)

Wer selbst Fahrrad fährt – und womöglich außerdem Auto –, kann sich über so viel ideologische Aufladung nur wundern. Die schlichte Wahrheit ist: Radfahren macht glücklich. Im selbst erzeugten Tempo durch die Frühlingssonne brausen, auf den Ohren unerlaubterweise Almost Gold, ein Lied, zu dem man praktisch radeln muss; bei passender Gelegenheit höflich Vorfahrt gewährend, hier ein Lächeln, da ein Zwischenstopp im Park. Es ist nicht teuer, es ist gesund, es macht, in Gottes Namen, Schenkel wie Stahl und hat obendrein diesen Zukunftsappeal: Wenn es alle machen, lebt es sich in unseren Städten besser. Stuttgart ohne Stau und mit frischer Luft – kann sich das einer vorstellen?

Wenn überhaupt etwas die Grünen retten wird, dann ist es dieses Lebensgefühl. Verkehr ist kein Schicksal, das aus Rüsselsheim auf uns niederkommt. Man kann da was planen. Es ist nicht Sozialismus, wenn dabei von Gemeinwohl die Rede ist. Dass die Grünen nicht durch Überwachen und Strafen bessere Menschen erzeugen wollen, sondern eine Idee vom urbanen Leben haben, die einfach attraktiver ist als das, was man sich beim ADAC unter Freiheit vorstellt. Eine halbe Million Leute sind jeden Tag in Berlin mit dem Rad unterwegs. Eltern bringen ihre Kinder mit dem Fahrrad zum Kindergarten, statt mit dem Auto zu kommen und diese gefährlichen Lücken zwischen den haltenden Autos und Verstopfungen entstehen zu lassen.

Verkehr - Ein Fahrradführerschein für Erwachsene? Die Zahl der Radfahrer steigt, aber keiner braucht eine Fahrerlaubnis. Sollte sich das ändern? Was meinen Sie?

Klar, es wird ein paar neue Vorschriften geben. Es wird Geld kosten. Da werden neue Baustellen sein, und man findet auf der Kantstraße keinen Parkplatz. Aber da wird eben auch mehr Freiheit sein und sogar mehr Vergnügen. Die Überwachungskameras, deren Installation den jungen rot-rot-grünen-Senat in seine erste Existenzkrise gestürzt hat, sind schon jetzt wieder vergessen. Sicherheit ist halt wirklich nur das halbe Leben.