DIE ZEIT: Herr Lehmstedt, warum sind die Familienbilder von Christian Borchert erst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung als Fotoband erschienen?

Mark Lehmstedt: Offenbar hatte vorher niemand gemerkt, dass die Bilder ihre ganze Kraft nur entfalten, wenn sie so gezeigt werden, wie Borchert sie konzipiert hatte – als Serie. Das Schlüsselerlebnis für mich war die große DDR-Fotoausstellung Geschlossene Gesellschaft vor wenigen Jahren in Berlin. Da hingen an einer Wand etwa 20 dieser Fotos, und davor bildete sich immer eine große Menschentraube. Wildfremde Leute diskutierten miteinander über diese Bilder.

ZEIT: Woran lag das?

Lehmstedt: Wenn man nur ein einzelnes dieser Fotos betrachtet, wirkt es manchmal gewöhnlich, vielleicht sogar banal. Da steht eine Familie in ihrem Wohnzimmer, und fertig. Aber wenn man die Bilder als Ganzes sieht, entfalten sie große Suggestivkraft. Sie zwingen geradezu zum Vergleich, etwa zwischen den sozialen Milieus der Familien. Außerdem kann man sich auf die Suche machen nach den Umbrüchen des Jahrzehnts zwischen 1983 und 1993. Und wird feststellen, dass man auf vielen Fotos mehr Kontinuitäten als Brüche sieht.

ZEIT: Viele auf den Fotos schauen ernst.

Lehmstedt: Auf den Bildern der meisten großen DDR-Fotografen wird eher selten gelacht. Das hat aus meiner Sicht damit zu tun, dass die Menschen in der Tagespresse und den Illustrierten der DDR immer lachend dargestellt werden sollten. Es gab in den Zeitungen kaum ein Foto, auf dem der Arbeiter, die Krankenschwester nicht lachte. Die Autorenfotografen wollten die Menschen dagegen so zeigen, wie sie waren. Ich finde die Gesichtsausdrücke auf den Fotos eher selbstbewusst.

ZEIT: In jungen Jahren war Borchert Pressefotograf.

Lehmstedt: Ja, aber er hat sich schon Mitte der siebziger Jahre aus der Welt des Propagandajournalismus verabschiedet. Als Freischaffender nahm er dann nicht einmal mehr Aufträge an. Zudem verabschiedete er sich von dem, was eigentlich Konsens in der DDR-Fotografie war: nämlich die klassische Dokumentarfotografie, die den besonderen Moment festzuhalten sucht. Borchert dagegen arbeitete zunehmend konzeptionell und entschied sich für eine strenge Formensprache. Bei den Familienporträts ist ihm das wohl am besten gelungen.

ZEIT: Wieso wirken die so streng geplant?

Lehmstedt: Er war akribisch. Er hat einen klar definierten Rahmen vorgegeben. Immer mit derselben Brennweite, aus derselben Distanz und stets im Querformat fotografiert. Es gibt Bilder, bei denen man denkt: Da hättest du doch mal ein Hochformat machen können, weil sich der Raum nicht für ein Querformat eignet. Aber er zog das eisern durch. Das lässt dem Betrachter keine Chance, zu entkommen. Mir ging es jedenfalls so, als ich die Bilder in der Deutschen Fotothek in Dresden gesehen habe, wo Borcherts Nachlass lagert. Er ist ja im Jahr 2000 bei einem Badeunfall ums Leben gekommen.

ZEIT: Hat Borchert auch die Aufstellung der Familienmitglieder auf den Bildern vorgegeben?

Lehmstedt: Nein. Im Format war er streng, aber bei der Anordnung hat er den Familien große Freiheit gelassen. Er hat gesagt: Sucht euch aus, wo und wie ihr euch hinstellt. Es ist sehr anrührend, zu sehen, wie sich die Familien selbst inszeniert haben. Ihnen war ja klar, dass das kein Foto fürs private Familienalbum wird, sondern eines für die Ewigkeit.

ZEIT: Wie muss man die Bilder heute betrachten?

Lehmstedt: Wichtig ist, dass man sich Zeit nimmt. Sie sind nicht nur Stoff für Soziologen, die untersuchen, wie sich die Tapeten im Laufe von 30 Jahren entwickelt haben. Diese Bilder sind Futter für die Fantasie – wie verhalten sich Ehepartner zueinander oder ihren Kindern, was hat die Zeitenwende 1989 ausgelöst; welche Folgen hat das ganz normale Altern? Am meisten Spaß machen diese Überlegungen, wenn man die Bilder nicht allein, sondern zu zweit oder als Familie anschaut. Umso spannender ist es, jetzt einige der Familien zu sehen, wie sie 2017 noch mal fotografiert wurden.