Der traurigste Künstlertypus der Gegenwart: der weiße leidende Liedermacher, der sich gar nicht entscheiden kann, ob er zuerst sein gebrochenes Herz oder die misslungene Latte-Art im Morgenkaffee besingen soll. So einer war auch der Amerikaner Father John Misty, als er noch unter seinem bürgerlichen Namen Joshua Tillman desolate Folkplatten veröffentlichte. Die Stimmung stets: Alles Arschlöcher außer mir. Erfolgreich ist Tillman erst, seit er den Spieß umgedreht hat. Im LSD-Rausch legte er 2012 seinen Künstlernamen und ein neues Credo für seine Kunst fest: Sei selbst das größte Arschloch! Seitdem gibt er den derangierten Dandy mit schmierigem Zeug in den Haaren und schmierigen Gedanken im Kopf. Er inszeniert sich als seriösen Pianomann und parodiert zugleich den Liedermacher mit dem gebrochenen Latte-Herzen.

Pure Comedy markiert den vorläufigen Höhepunkt dieser Verwandlung. Auf seinem dritten Album als Father John Misty behauptet der 35-jährige Tillman gar nicht mehr, ein Folkmusiker zu sein. Stattdessen singt er 13 Lieder, die sich an Epik und Ekstase von Elton Johns Rocket Man orientieren, aber auch die großen Abstürze auskosten, die Johns Astronautenhymne nur andeutete. Tillman befehligt ein riesiges Orchester, verschleppt das Tempo für größere Dramaeffekte, schreibt zehnstrophige Lieder ohne Refrain und streckt sich nach Noten und Ausdrucksformen, die außerhalb seiner musikalischen Reichweite liegen. In der von Fokusgruppen, Algorithmen und Auto-Tune begradigten Poplandschaft steht er mit diesem Übermut so einzeln und erhaben da wie ein altes kubanisches Auto.

Passend zu diesem ambitionierten Programm, verabschiedet sich Tillman auch von den Bauchnabelthemen seiner früheren Platten. Keine sarkastischen Beobachtungen mehr zu Monogamie und Triebabbau, stattdessen eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen, vornehmlich online verbrachten Lebens. Tillman singt über Männer, die auf dem Sterbebett noch einmal ihr Smartphone checken, und ergötzt sich an Virtual-Reality-Sex mit Taylor Swift. In einem Stück namens Total Entertainment Forever verhöhnt er solche Vorstellungen von Fortschritt und guter Unterhaltung und fasst seine Diagnose zusammen: Die Menschheit unterhält sich um den Verstand. Nicht nur mit diesem Songtitel verweist Pure Comedy auf Unendlicher Spaß, das Standardwerk der postmodernen Kulturkritik von David Foster Wallace. Wallace beschrieb Mitte der neunziger Jahre eine nahe Zukunft, in der die ständige Verfügbarkeit von Unterhaltungsangeboten uns zu Konsumzombies macht, die freimütig geisteskranke Politiker wählen. Oder ihren Kopf in eine Mikrowelle stecken. Father John Misty gibt jetzt den Songwriter für eine Gegenwart, in der sich weite Teile von Wallaces Albtraum bestätigt haben. Und jubelt Pure Comedy dennoch eine subversive Botschaft unter. "Another white guy in 2017 / Who takes himself so goddamn seriously", singt er. Der Giftpfeil richtet sich gegen die eigene selbstverliebte Masturbationsmusik genauso wie gegen den Masturbationszwang seiner Fans. Pure Comedy ist ein Witz, aber ein guter. Und wie jeder gute Witz: im Grunde todernst.