DIE ZEIT: Herr Vogel, Wissenschaftler erforschen Mittel gegen Krebs, sie erfinden neue Elektroantriebe – warum sollten sie auch noch mit Bürgern reden?

Johannes Vogel: Erstens bezahlt sie der Steuerzahler. Was öffentlich bezahlt wird, muss öffentlich zugänglich sein. Zweitens muss sich die Wissenschaft fragen, wie sie gerade jetzt relevanter werden kann. Das kann durch Offenheit geschehen.

ZEIT: Was heißt für Sie "Offenheit"?

Vogel: Die Wissenschaft muss lernen zuzuhören. Sprechen kann sie schon.

ZEIT: Sie kann nicht zuhören?

Vogel: Sie hört oft nur sich selber zu. In vielen Forschungseinrichtungen gibt es noch immer dieses "wir" und "die da draußen". Die Wissenschaft hat sich einen Panzer aus Begrifflichkeiten und Prinzipien umgelegt. Der schützt sie vielleicht noch eine Zeit lang. Doch jetzt sind die Herausforderungen für die Wissenschaft so groß, dass sie sich neu aufstellen muss. Um sich zu erneuern, gibt es nichts Besseres als eine Krise.

ZEIT: Worin besteht diese Krise?

Vogel: Plötzlich scheint es zwei Arten der Erkenntnis zu geben: Emotion und Rationalität – gleichberechtigt im Diskurs. Deshalb muss die Wissenschaft für Rationalität und kritisches Denken werben.

ZEIT: Sie sind Vorsitzender der Open Science Policy Platform der EU. Wenn die Europäische Union jetzt auf Transparenz und Partizipation in der Forschung setzt, hat das doch auch wirtschaftliche Gründe.

Vogel: In der Tat glaubt die EU, dass sie mit der bisherigen Forschungsförderung nicht genügend Innovation anstößt. Sie gibt viele Milliarden dafür aus, Daten zu produzieren, die nur von einer kleinen Community genutzt werden. Ich glaube, dass eine Öffnung zu einer viel effizienteren Wissenschaft führen könnte.

ZEIT: Sie leiten das Berliner Museum für Naturkunde. Was machen Sie mit Ihren Forschungsergebnissen?

Vogel: In unserem Haus befinden sich 50 Prozent aller Kulturgüter Berlins – mehr als dreißig Millionen Objekte. Ich muss mich fragen: Behalte ich die Daten unserer Haifische für mich? Oder verpflichte ich mich auf Open Science und stelle sie offen ins Netz? Dann können andere Forscher sie dazu nutzen, Proteine zu suchen, um die Blut-Hirn-Schranke zu durchbrechen und Alzheimer zu bekämpfen. Oder der Sportartikelhersteller Speedo konstruiert mithilfe der Daten über die Oberflächenstruktur von Haihäuten neue Schwimmanzüge. Oder Damien Hurst wird zu millionenschweren Kunstwerken inspiriert.

ZEIT: Bislang haben Forscher ihre Daten immer so lang wie möglich unter Verschluss gehalten.

Vogel: Weil wir Wissenschaftler falsch bewerten, allein nach Output. Es gilt nicht als karriereförderlich, wenn man sich in Netzwerke einbringt oder sich in der Wissenschaftskommunikation engagiert.

ZEIT: Wie sollen denn in Zukunft die Leistungen von Wissenschaftlern gemessen werden?

Vogel: Wenn ich heute ein Doktorand wäre – 26 Jahre alt, frisch verliebt, werdender Vater –, dann ist es im bisherigen System doch klar, dass ich möglichst viel publizieren möchte, um bald eine feste Stelle zu bekommen. An einem Haus wie dem Naturkundemuseum können wir aber sowohl die Forschung als auch den Transfer der Forschung bewerten: Wie baut jemand Partnerschaften mit der Industrie auf, wie kommuniziert er mit der Öffentlichkeit?

ZEIT: Für welchen Teil der Wissenschaft ist es am schwersten, sich zu wandeln?

Vogel: Für die Universitäten und Wissenschaftsorganisationen. Beide befinden sich in einem globalen Wettbewerb. Wenn nun Europa auf einmal sagt, wir schaffen ein komplett neues Wertesystem, werden die Leute, die im globalen System Karriere machen wollen, benachteiligt. Das gilt auch ökonomisch. Wenn Forschungseinrichtungen fünf oder zehn Prozent für neue Aufgaben ausgeben, fehlen diese in den Etats.

ZEIT: Aber kann eine Öffnung die Wissenschaft nicht auch vor Kürzungen schützen?

Vogel: Ich kenne eine Forschungsstation im britischen Rothamsted, die ökologische Langzeitstudien an Wiesen und Feldern macht. Die Wissenschaftler haben sich sehr für ihre Gemeinde engagiert. Als die Station dichtgemacht werden sollte, ist der gesamte Ort aufgestanden und hat gesagt: So nicht, das ist ein Teil von uns. Und die Station blieb.