Ich sitze, während ich das schreibe, in meinem alten Kinderzimmer unter dem Dach im Haus meiner Mutter. Ich habe mir einen kleinen Gartentisch als Schreibtisch hinaufgetragen, denn hier oben befindet sich außer einem Bett, einem Nachttisch und einer kleinen Lampe nicht mehr viel. Von der Straße dringt Kinderlärm durchs offene Fenster herein, mein Sohn hat sich mit zwei Mädchen aus der Nachbarschaft angefreundet, sie haben erst die Straße mit Kreide bemalt und nun diskutieren sie eifrig, was sie als Nächstes spielen könnten, so wie ich es auch einst getan habe. Familien, denke ich, sind Kreise, alles ist in Bewegung, alles ständig im Fluss. Die Dinge sind dann in Ordnung, wenn sie sich wiederholen, wiederholen können. Kinder werden zu Eltern werden zu Großeltern. Ein jeder begegnet sich auf seine Art im anderen. Fotografien halten diesen Fluss, diese große Bewegung, mitunter an. Sie frieren die Zeit ein, obwohl freilich niemand und nichts die Zeit einfrieren kann.

Ich weiß nicht, ob der französische Philosoph Roland Barthes der Erste war, der diesen Gedanken formuliert hat, aber ich weiß, dass ich als Studentin in seinem Buch Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie zum ersten Mal las, dass jedes Foto ein Ereignis des Todes sei. Nicht nur, weil der eben noch lebendige Mensch für den Moment der Aufnahme, wie zu einer Mumie erstarrt, stillsteht, sein Leben anhält und so auf jedem Bild der Unterschied zwischen Leben und Tod seltsam aufgehoben scheint. Sondern auch, weil niemand genau sagen kann, wer wann und wieso später einmal diese Fotos in die Hand nehmen und betrachten wird. Was wird der zukünftige Betrachter darin sehen oder suchen? Sich selbst oder andere, sein eigenes Leben oder das von Fremden? Lässt sich das Leben im Nachhinein überhaupt betrachten oder verstehen? Kann es, einmal angehalten, überhaupt je wieder lebendig werden?

Auch die inzwischen berühmt gewordenen und oft ausgestellten Familienporträts des 1942 in Dresden geborenen Fotografen Christian Borchert zeigen Menschen in einem Moment des Innehaltens, des Stillstands. Diese Bilder sind in der DDR und kurz nach dem Mauerfall entstanden. Borchert wollte mit ihnen, wie er oft sagte, die Normalität zeigen, den Durchschnitt. Mithin etwas, was heute niemanden mehr recht interessiert. Vater, Mutter, Kind, Kind. Er sah sich selbst als einen Nachkommen von August Sander, dessen Menschen des 20. Jahrhundert s als eine Art epochaler Bilderatlas auch damals schon Fotografiegeschichte geschrieben hatte.

Einige "seiner" Familien hat Borchert im Abstand von zehn Jahren – also 1983 und 1993 – zweimal getroffen und porträtiert. Das hat Sander nicht gemacht, ihm kam es auf einen Querschnitt an, nicht auf Linearität. Und nun haben wir, um diese Linearität Borcherts bis in die Gegenwart zu ziehen, die Berliner Fotografin Ina Schoenenburg gebeten, ein paar der Familien 24 Jahre später noch einmal aufzusuchen. Borchert selbst ist im Jahr 2000 in einem See nördlich von Berlin ertrunken. Vielleicht hätte er dieselbe Idee gehabt. Wahrscheinlich. Familien sind ja, wie gesagt, Kreise, sie haben keinen Anfang und kein Ende, sollten eigentlich keinen Anfang und kein Ende haben.

Bewusst hat Ina Schoenenburg sich für Farbfotos entschieden, vielleicht, um sich abzugrenzen, aber das klingt zu negativ. Eher um nicht als eine Epigonin zu erscheinen, die lediglich vorhat, das Werk eines anderen fortzuführen. Einige der Familien, die sie um ein erneutes Treffen bat, waren zu einem Fototermin bereit, andere nicht. Einige haben auf unsere Anfrage nicht reagiert. Man darf das beim Betrachten der Arbeiten nicht vergessen. Die Bilder leben auch von jenen, die sich nicht noch einmal zeigen wollten. Weil es sie als Familie nicht mehr gibt. Weil die Zeiten über sie hinweggegangen sind und sie sich aufgelöst haben. Vielleicht, vielleicht nicht – wer weiß.

Stillstand und Veränderung also auf allen Seiten, auf der sichtbaren genauso wie auf der für uns unsichtbaren. Zwischen diesen Polen bewegen sich diese Bilder, bewegen sich alle Familien, bewegt sich das Leben insgesamt. Auch mein Blick, als ich diese Bilder mehr als einmal betrachtet habe, hat zwischen diesen Extremen geschwankt. Ich habe nach Stillstand und Bewegung gleichermaßen gesucht. Nach den Gesichtern der Mütter in denen der Töchter, nach den Schultern der Väter bei den Söhnen. Ich habe die Bücherregale von einst mit denen von heute verglichen und festgestellt: So unterschiedlich sind sie gar nicht. Ich habe mich gefragt, was aus jenen Menschen, die heute fehlen, geworden sein mag. Warum sie nicht mehr auf den Bildern sind, wohin sie gegangen sein mögen. Wollte sofort wissen, in welcher Familie mehr Kontinuität ist, wo mehr Veränderung, und musste mir eingestehen, dass ich die Kontinuität mehr als die Veränderung mochte. Veränderung beunruhigt mich offenbar, obwohl ich doch mein eigenes Leben als nichts anderes als eine Kette von Veränderungen beschreiben würde. In meinem eigenen Leben nichts so sehr wie den Stillstand gefürchtet habe, mir für die Zukunft alles andere als Stillstand wünsche.

Vielleicht kommt das daher, dass ostdeutsche Familien noch einmal mehr als westdeutsche durch den Wirbel der Zeit gegangen sind, noch einmal mehr äußeren Veränderungen innerlich standhalten mussten. Auch das kann man auf den Bildern sehen. Wie Menschen durch Zeiten kommen, die sich beinahe in nichts gleichen. Es ist anzunehmen, dass das jenen Familien, die wir hier nicht sehen können, weil sie sich nicht zeigen wollten, schlechter gelungen ist. Ein jeder Ostdeutsche kennt Menschen, denen das nicht gelungen ist, kennt Familien, die sich aufgelöst oder ihre Form verändert haben, den neuen Zeiten angepasst haben. Auch meiner Familie ist das passiert, auch von uns hätte es, wenn Christian Borchert uns damals fotografiert hätte, so ein neuerliches Bild nicht geben können. Familien sind auch poröse Netze, wie Adernetze. Sie können reißen. Und ich kenne viele andere, die ebenfalls gerissen sind, von denen es eine solche lineare Abfolge von Bildern nicht geben könnte.

Ich schaue noch einmal durch das geöffnete Fenster hinunter auf die Straße. Eine ältere Dame, die schon in meiner Kindheit eine ältere Dame war, führt ihren Hund aus. Mein Sohn bleibt stehen und greift dem Hund mit den Händen in den Nacken, streichelt ihn überraschend zupackend, wie ich finde. Vielleicht tut er das, um seinen neuen Freundinnen zu imponieren, vielleicht tut er das, weil man bei Oma manchmal Dinge anders macht als zu Hause. Ich hätte mir das als Kind nie getraut, denke ich noch, aber da ist die ältere Dame mit ihrem Hund längst weitergegangen.