Bahnhofsbuchhandlungen bieten stapelweise Malbücher an, die gestresste Erwachsene in den Feierabend oder in die Ferien begleiten sollen. Die Mandalas sind therapeutisch: kolorieren statt kollabieren. Einigen Sondereditionen liegen gleich Buntstifte bei, wie praktisch, dann muss man die nicht noch besorgen, obwohl vielleicht auch der Gang ins Schreibwarengeschäft sehr entspannend wäre: Da findet sich der smartphonebewehrte und whatsappende Konsument des 21. Jahrhunderts in einer Welt aus Radiergummis und Füllern, Stempelkissen und Löschpapier. Wie herrlich ist das! Haben Sie auch Glitzerfolie?

Bitte nicht lachen! Es ist die Realität. Wie der Handelsverband Büro und Schreibkultur zusammengerechnet hat, ist der Absatz von Mal- und Zeichenbedarf im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent gestiegen, auf 45 Millionen Euro. Das Individuum im Datenstrom sucht Halt bei den Gegenständen. Hier eine Schere und ein Kleber, dort ein Eimer und eine Schaufel, denn auch die Gartenabteilungen florieren. Da wird mit den wunden Seelen schöner Umsatz gemacht.

"Schrebergärten sind total in", sagt Angele Zettner, die beim Retro-Kaufhaus Manufactum übers Sortiment bestimmt. "Gemüse selber anbauen, autark sein", darum gehe es, und so plausibel das sei, so erstaunlich sei es auch: "Vor 15 Jahren waren Schrebergärten der Inbegriff von Spießigkeit." Damals führte das Wühlen im Boden bloß ins Vereinsheim, heute dient es der Erdung.

Man kann hinschauen, wo man will: Das Analoge kehrt zurück. Alltagsgegenstände, die uns seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten begleiten, wecken unter jungen Konsumenten neues Interesse. Das Digitale, das alles Materielle zu verdrängen schien, stößt plötzlich an seine Grenzen. Selbst im Buchhandel ist die virtuelle Erosion gestoppt. Der Umsatzanteil der E-Books am Publikumsmarkt stagniert seit drei Jahren bei unter fünf Prozent.

Während viele Ältere, vom Übermaß an Waren ermüdet, ihre Regale noch von Ballast befreien – weg mit den Musikkassetten, CDs und all den Büchern, die man ja doch nicht mehr liest –, dekorieren Jüngere ihren virtuellen Alltag mit realen Dingen, um den Kontakt zur Tradition und zur Wirklichkeit nicht zu verlieren. Klobige graue Fernseher vom Sperrmüll sind eine willkommene Alternative zum Flatscreen, den ja jetzt alle haben.

Struppige Gegenstände fordern uns mehr als die devote Siri im iPhone

Damit ist eine Eigenschaft des Digitalen benannt, die mehr und mehr stört: Das Virtuelle macht uns alle gleich. Wenn Sie und ich Spotify auf unseren Smartphones haben, gibt es zwischen Ihnen und mir keinen Unterschied mehr. Wir können für ein paar Euro im Monat unter Millionen Titeln wählen. Eine Schallplattensammlung hingegen hat nicht jeder. Sie kostet einen Haufen Geld und viel Platz. Jeder Kauf verlangt nach Abwägung. Das Individuum kuratiert seinen Konsum. Schön ist die Belohnung: Zeig mir deine Plattensammlung, und ich sage dir, wer du bist.

Der Vinyl-Absatz in Deutschland stieg im Jahr 2016 gegenüber 2015 um 40 Prozent, auf 70 Millionen Euro, gebrauchte Platten nicht eingerechnet. Die Verkaufskurve zeigt seit zehn Jahren nach oben. Alle Presswerke weltweit laufen rund um die Uhr. Die Auftragsliste wird lang und länger. 106.000 Plattenspieler wurden 2016 in Deutschland verkauft: ein Drittel mehr als im Jahr davor.