Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Kirchengemeinden sind im Prinzip fürsorglich. Das ist mir schon als Vikarin klar geworden, als ich regelmäßig voll gepackte Kuchenteller bekam – nach jedem Geburtstagsbesuch! Damals hatte ich noch ein paar Kilo weniger auf den Rippen, und die netten Frauen in der Wetterauer Kirchengemeinde waren offenbar der Ansicht, dass ihre Vikarin nicht vom Fleische fallen sollte. Beim örtlichen Metzger bekam ich auch immer eine Packung Mettwürstchen als freundliche Dreingabe. Solche Zuwendungen hatte ich zuletzt als Kleinkind erlebt, wenn ich meine Mutter beim Einkauf begleiten durfte und mir die Metzgersfrau ein Stück Fleischwurst in die Hand drückte.

In meiner jetzigen Gemeinde, die zum Propsteibereich Rheinhessen gehört, sind Kuchenteller selten geworden, dafür bekomme ich ab und an eine Flasche Wein geschenkt. Geschenke von Gemeindegliedern sind häufig regionaltypisch. Ja, und dann gibt es noch die kleine, ältere Frau aus meiner Gemeinde, die vor Kurzem vor meiner Tür stand und mir eine schön verpackte Dose Salbe in die Hand drückte. "Body Cream" stand auf der Packung, mit Rosenduft, dazu das passende Badeöl. "Ich möchte, dass Sie sich auch mal etwas Gutes gönnen", sagte sie dazu. "Sie denken viel zu selten an sich!" Sie hat das so reizend gesagt, dass ich richtig gerührt war. Noch dazu, weil ich gerade dabei war, an einer Predigt über die Salbung in Betanien zu arbeiten.

Gut, Maria Magdalena hatte ich mir anders vorgestellt als die alte Dame, und ich bin ganz sicher nicht Jesus. Aber gemeinsam war beiden Szenen, dass die Geste ganz unerwartet kam und etwas sehr Großzügiges an sich hatte. So großzügig, dass ich gleich einmal bei der juristischen Abteilung unserer Kirchenverwaltung angerufen habe, um mich zu erkundigen, bis zu welcher Höhe ich als Pfarrerin Geschenke entgegennehmen dürfe. Da gibt es klare Richtlinien, wurde ich aufgeklärt, und ebenso klar: Jesus hätte mit dem Korruptionsparagrafen in unserer Kirchenordnung große Schwierigkeiten bekommen. Eine Salbe in der Größenordnung eines Jahresgehalts – so wie bei Jesus damals – dürfe ich auf keinen Fall annehmen. Mettwürstchen gingen klar, Kuchen sowieso, und eine Flasche Wein, die nicht gerade aus der Spitzenlage stammt, sei auch erlaubt. Ich habe dann den Preis der Gabe gegoogelt und festgestellt, dass ich noch unterhalb des Limits war.

Ich war ziemlich erleichtert, einerseits, weil ich aus der Duty-free-Abteilung von Flughäfen schon weiß, dass es Tübchen gibt, die fast 600 Euro kosten, und mich Salben in dieser Preisklasse irritieren, zum anderen, weil ich es wirklich schmerzlich gefunden hätte, der älteren Dame ihre Salbe zurückgeben zu müssen. Die Gabe kam so von Herzen! Irgendwie ist mir dann auch die Predigt über die Salbung ganz flüssig von der Hand gegangen, einfühlsamer, schien mir. Und ich habe mir vorgenommen, die Karwoche nicht nur fastend und betend, sondern auch mit dieser duftenden Gabe zu begehen. Sich etwas Gutes gönnen, auch als Pfarrerin – ich finde, das hat Sinn!