Von seinen Anhängern bejubelt, von seinen Gegnern verspottet: Die Mauer nach Mexiko war Donald Trumps prominentestes Wahlversprechen. Jetzt sind die ersten Schritte für deren Bau getan. Vergangene Woche ist die Bewerbungsfrist für Unternehmen, die das Megaprojekt umsetzen wollen, abgelaufen. Knapp 700 Firmen hatten sich im März auf eine Liste bei der Heimatschutzbehörde setzen lassen, die für die Auftragsvergabe zuständig ist. Wie viele genau tatsächlich einen Entwurf eingereicht haben, ist nicht bekannt. Bis zu 450 Bewerbungen für die 3.000 Kilometer lange Grenzanlage seien eingegangen, berichtet die San Diego Union-Tribune. Andere Berichte gehen von rund 200 aus. Die Heimatschutzbehörde hat die Einreichungen nicht öffentlich gemacht. Einige beteiligte Unternehmen waren jedoch bereit, ihre Entwürfe vorzustellen. Die Ideen reichen vom eher schlichten Militärzaun über bunte Betonmodule, die mit Altglas verziert sind, bis hin zu Gräben mit Atommüll hinter einem Drahtzaun.

National Consulting Service, ein Beratungsunternehmen aus Kalifornien, sieht eine einspurige Bahn oben auf der Mauer vor, die damit zur Verkehrsverbindung zwischen den Grenzstädten würde. Eine Firma aus Las Vegas will die Mauer mit Solarmodulen versehen, die die Grenzanlage mit Energie versorgen würden. Der wohl extravaganteste Vorschlag kommt von Michael Hari. Der Gründer eines Sicherheitsdienstes aus dem Bundesstaat Illinois, der selbst einräumt, bisher noch wenig Erfahrung mit großen Bauprojekten zu haben, plant eine Anlage, die stark an die Chinesische Mauer erinnert. Nach Haris Vorstellungen würde die begehbare und befahrbare Mauer zur Touristenattraktion. Sein Design verteidige das "wahrhaft Amerikanische", heißt es in dem Prospekt. Zudem sei die Mauer "von einer Schönheit, die auch normale Amerikaner schätzen" und nicht nach dem "umstrittenen und perversen Geschmack der Eliten".

Hari wird den Zuschlag wohl nicht bekommen, denn die Behörde verlangt Erfahrung mit Großprojekten: Wer die Mauer bauen will, muss in den vergangenen fünf Jahren einen Auftrag in Höhe von mindestens 25 Millionen Dollar vorweisen. Aber Hari kommt immerhin der Aufforderung der Heimatschutzbehörde nach, die eine "ästhetische Anmutung" zur Bedingung gemacht hat – zumindest auf jener Seite der Mauer, die man von den USA aus sehen kann. Damit wollen die Bürokraten offenbar Trumps Vorgaben genügen. Der hatte immer wieder erklärt, eine "schöne" Mauer errichten zu wollen. Die Konstruktion soll mindestens sechs Meter, idealerweise aber neun Meter hoch sein, so die Ausschreibung. Sie soll allen möglichen Werkzeugen trotzen: "Vorschlaghammer, Wagenheber, Pickel, Meißel, batteriebetriebenem Schlagwerkzeug, batteriebetriebenem Schneidewerkzeug". Auch einen Flammenwerfer soll sie aushalten. Menschen sollen sie weder überklettern noch durch Tunnel untergraben können, heißt es im Anforderungskatalog. Das Großprojekt soll zügig vorankommen. Schon im Sommer sollen die 20 Kandidaten, die in die engere Auswahl kommen, eine Probe-Mauer in San Diego errichten. Auf der Grundlage dieser Prototypen will die Heimatschutzbehörde dann den endgültigen Auftrag vergeben.

Unsicher ist allerdings noch, wie die Mauer finanziert werden soll. Trumps ursprünglichen Vorschlag, dass die Mexikaner dafür zahlen sollen, hat die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto zurückgewiesen. Auch die Idee, Importe aus Mexiko mit einem Mauer-Zoll zu belegen, haben die US-Amerikaner wieder verworfen. Im Kongress, der die Haushaltsausgaben absegnen muss, haben selbst Abgeordnete von Trumps eigener Partei ihre Ablehnung kundgetan. Trumps Regierung hat angekündigt, man werde durch Kürzungen in anderen Bereichen genug Mittel sichern, um den Bau zumindest zu beginnen. Eine Überlegung des Präsidenten, das Budget der Küstenwache und der Flughafensicherheit zu beschneiden, wurde aber nach Protesten aus beiden Parteien in Washington wieder fallen gelassen.

Findet sich die Finanzierung, wäre Trumps Mauer das größte Einzelvorhaben in der Geschichte der US-Infrastrukturprojekte. Je nach Kalkulation soll sie zwischen 12 und 38 Milliarden Dollar kosten. Eigentlich müssten sich Unternehmen darum reißen. Doch namhafte Konzerne mit langer Erfahrung zeigten sich zurückhaltend. So fehlen auf der Liste der Bewerber etwa Bechtel, Fluor Corporation und Turner Construction, jene drei US-Baukonzerne, die zu den größten Auftragnehmern bei staatlichen Infrastrukturprojekten gehören. Gegenüber dem Nachrichtensender CNN ließen Bechtel und Turner verlauten, man habe keine Bewerbung abgegeben. Fluor erklärte, man spreche grundsätzlich nicht über potenzielle Aufträge. Cemex, der größte Zementproduzent Mexikos, wäre mit Standorten in Grenznähe eigentlich optimal positioniert. Doch auch die Cemex-Manager zogen zurück, nachdem im Wochenblatt des Erzbistums Mexiko-Stadt stand, mexikanische Firmen, die sich an der Mauer beteiligten, seien Landesverräter.

Auch deutsche Interessenten winkten ab. Nachdem die Süddeutsche Zeitung den bayerischen Baukonzern Bauer AG auf der Interessentenliste der Heimatschutzbehörde entdeckt hatte, ging das Unternehmen schnell auf Distanz zu dem Vorhaben. In den USA sei es üblich, sich bei Ausschreibungen auf Informationsverteiler setzen zu lassen, erklärte der Pressesprecher auf Anfrage der ZEIT: "Es gibt keine Bestrebungen vonseiten der Bauer AG, an diesem Projekt teilzunehmen." Man wolle sich nicht mehr zu dem Thema äußern. Der Bauriese Hochtief hatte im Februar zunächst angedeutet, dass sich seine US-Tochterfirmen am Bau der Mauer beteiligen könnten. Doch das sei ein Missverständnis gewesen, beteuert der Pressemann auf Nachfrage. Der Konzern wird demnach bei dem Bau nicht dabei sein – auch nicht als "Nachunternehmen", also als Unterauftragnehmer, wie der Sprecher betont. Der deutsche Baustoffkonzern HeidelbergCement hat zwar keinen Entwurf eingereicht, allerdings windet sich das Unternehmen bei der Frage, ob es künftig als Zulieferer für Trumps Mauer antreten könnte. "HeidelbergCement ist dezentral aufgestellt, und das Geschäft in den USA wird durch die dort ansässige Tochtergesellschaft verantwortet", teilte der Sprecher des Konzerns mit. Sollte ein Kunde mit einer Materialanfrage auf eine Tochtergesellschaft zukommen, so werde diese die Anfrage unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren bewerten und darüber entscheiden. So weit, so ungenau.

Es ist nicht nur die Angst vor einem Imageschaden, die die Unternehmen zögern lässt. Der französisch-schweizerische Konzern Lafarge-Holcim, der größte Baustoffhersteller weltweit, hatte eine mögliche Zulieferung für den Mauerbau nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Dafür bekam der Konzern einen Rüffel des französischen Staatspräsidenten Hollande. Und die Stadt Paris entzog dem Konzern einen Auftrag – es sollte Tonnen von Sand für künstliche Strände an der Seine liefern. Auch Städte in Kalifornien – darunter Oakland, Berkeley und San Francisco – haben bereits angekündigt, Firmen zu boykottieren, die sich am Mauerbau beteiligen.

Widerstand gegen die Mauer formiert sich auch in Texas. Dort findet Trumps Versprechen, für mehr Sicherheit an der Grenze zu sorgen, zwar bei vielen Menschen Anklang. Eine Mauer wollen sie deshalb aber noch lange nicht. Bewohner in den grenznahen Gebieten fürchten, dass sie dadurch Teile ihres Grundbesitzes verlieren würden. Eine durchgehende Mauer könnte für viele den wichtigen Zugang zum Wasser des Rio Grande abschneiden. Jäger und Tourismusvertreter sorgen sich um Wildbestände. "Es würde die ökologisch entscheidende freie Wanderung von Schwarzbären, Pumas, Rehen und Dickhornschafen behindern", fürchtet etwa die Texas Wildlife Association, eine konservative Gruppe von Ranchern und Landbesitzern. Am Widerstand der Anwohner scheiterte letztlich eine frühere Initiative unter dem Präsidenten George W. Bush, der 2006 versucht hatte, einen durchgehenden Zaun an der mexikanischen Grenze zu errichten. Viele Anwohner zogen gegen die Enteignung vor Gericht. Zudem erwiesen sich die Überwachungssysteme als teuer und unzuverlässig. Statt des ursprünglich geplanten Doppelzaunes wurden größtenteils lediglich Fahrzeug-Barrieren erreichtet. Nachdem die Regierung bereits Milliarden dafür ausgegeben hatte, erklärte 2011 Bushs Nachfolger Obama das Projekt für beendet.