Ein turbulentes Jahr: 1967 begann die Studentenrevolte. In den USA erweiterte Präsident Lyndon B. Johnson die Bürgerrechte für Schwarze. In Vietnam kämpften US-Truppen gegen die kommunistischen Vietcong. Und in Griechenland herrschte Chaos, weil der junge, unerfahrene König den demokratisch gewählten Premier Georgios Papandreou gestürzt hatte.

Seit 1952 war das Land in der Nato, wie die Türkei. Was, wenn es die Staatskrise nicht in den Griff bekam? Für diesen Fall – das zeigte sich damals zum ersten Mal – kennt das Verteidigungsbündnis keine Regeln, sosehr es sich auch als Wertegemeinschaft demokratischer Staaten begreift.

Die Staatskrise eskalierte. Papandreou forderte Neuwahlen, die er als Vorsitzender der populären, linksgerichteten Zentrumsunion gewonnen hätte. Der König jedoch bildete immer wieder neue Kabinette, die das Parlament nicht bestätigte. Täglich demonstrierten Tausende für die Rückkehr des gestürzten Premierministers. Gerüchte über einen Staatsstreich machten die Runde. Es hieß, der König selbst plane, die Demokratie außer Kraft zu setzen.

In dieser unübersichtlichen Lage putschten in der Nacht auf den 21. April 1967 Offiziere der griechischen Armee. Der Generalstaatsanwalt wurde Premierminister. Eine Verhaftungswelle ging durchs Land, Menschen wurden in Fußballstadien und der Pferderennbahn von Athen-Faliro eingesperrt. Etliche verschleppte man auf die unbewohnte Felseninsel Gyaros. Hochrangige Politiker wie Georgios Papandreou, Beamte, Journalisten und Künstler kamen in Haft. Die Junta zwang Regimegegner unter Folter, sich gegen den Kommunismus und für die Obristen auszusprechen. Putschgeneral Stylianos Pattakos sagte: "Wer die Reueerklärung nicht unterschreibt, wird das Lager als faulender Kadaver verlassen."

Bis heute hält sich in Griechenland die These, dass die Amerikaner den Coup unterstützt oder gar inszeniert hätten. Tatsächlich machte sich die CIA Sorgen über eine Rückkehr des gemäßigt linksgerichteten Papandreou. Doch die Öffnung der Archive hat eine andere Version bestätigt: Die USA waren gegen eine militärische Lösung. Die Regierung kritisierte den Putsch scharf, Verteidigungsminister Robert McNamara kündigte die Einstellung der Militärhilfe an. Das demokratische Immunsystem der Nato schien noch halbwegs zu funktionieren.

Dann kamen die großen Nahostkrisen. Der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen, Syrien, Jordanien und Ägypten auf der anderen Seite führte den Amerikanern im Juni 1967 vor Augen, wie wichtig die US-Stützpunkte in Griechenland für die Region waren. Verbündete gab es im östlichen Mittelmeer nämlich nicht mehr viele. In Ägypten lehnte sich Präsident Gamal Abdel Nasser an die Sowjetunion an. In Libyen stürzte Muammar al-Gaddafi den König und drängte britische und amerikanische Soldaten aus dem Land. Beides spielte der Sowjetunion in die Hände. Das Pentagon meinte, auf Griechenland angewiesen zu sein. Strategie toppte Demokratie.

Die entscheidende Wende brachte der Machtwechsel in Washington. Anfang 1969, keine zwei Monate nachdem der Republikaner Richard Nixon den Demokraten Lyndon B. Johnson abgelöst hatte, durfte der stellvertretende Juntachef Pattakos das Weiße Haus besuchen. Zunächst bestanden die USA darauf, dass Athen für eine Wiederaufnahme von Waffenlieferungen Fortschritte bei der Demokratisierung vorweisen müsse. Doch ein Jahr später war davon keine Rede mehr. Im September 1970 wurde das Waffenembargo aufgehoben. Im Gegenzug nutzte die 6. Flotte der US-Marine verstärkt griechische Häfen.

Realpolitik gegenüber der Junta betrieben auch andere Staaten. Die Bundesregierung unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Außenminister Willy Brandt (SPD) plädierte aus strategischen Gründen für den Verbleib Griechenlands in der Nato. CSU-Chef Franz Josef Strauß sagte Athen Kredite zu und lobte die Drachme als die "stabilste Währung der Welt". Zugleich fanden viele griechische Intellektuelle in der Bundesrepublik Zuflucht. Die SPD finanzierte Oppositionsbüros; linke griechische Journalisten sendeten aus westdeutschen Funkhäusern in die Heimat. Ironischerweise boten die sozialistischen Staaten keine Hilfe an. Die DDR pflegte sogar diplomatische Beziehungen zur Junta, deren Regierungsstil sie gut verstand.

Ihr Ende fanden die Obristen, weil sie selbst den Bogen überspannten. Im Zypern-Konflikt 1974 wollte die Athener Junta die ganze Insel an Griechenland anschließen. Daraufhin besetzte die türkische Armee den nördlichen Teil und zwang die griechischen Zyprer zur Flucht. Wenige Tage später, am 23. Juli 1974, kollabierte das Militärregime.

Die Amerikaner und die Nato ließen dies alles geschehen, einschließlich des türkischen Angriffs auf Zypern. Aus Ärger darüber erklärte der noch 1974 demokratisch gewählte Konstantinos Karamanlis den Austritt seines Landes aus der militärischen Organisation der Nato. Sieben Jahre lang war Griechenland kein volles Bündnismitglied mehr. Ein Schritt, fanden die Gegner der Junta, der genau sieben Jahre früher fällig gewesen wäre, 1967 – vonseiten der Nato.