Ein paar nette Worte hat Tobias Bergmann dann doch noch für seinen von ihm stets kritisierten Vorgänger. Nachdem Bergmann zum neuen Präses der Hamburger Handelskammer gewählt ist, hält er eine kleine Dankesrede, lobt den Einsatz von Fritz Horst Melsheimer für Frauen in Führungspositionen, den Atomausstieg und das Engagement der Kammer für Flüchtlinge. Klatschen, Händeschütteln, Höflichkeiten – Übergabe des Schlüssels zum Präseszimmer. Alles sei sehr gesittet abgelaufen, sagt ein langjähriger Mitarbeiter später, eben wie unter ehrbaren Kaufleuten.

Das sind neue Töne in der Handelskammer. Schließlich wurde Bergmann als Rebell bekannt, sein Verhalten tadelte mancher seiner Gegner gern als unhanseatisch. Seit vergangenem Donnerstag hat dieser Rebell jetzt tatsächlich den Schlüssel zur Macht in der Handelskammer. Jetzt muss der Unternehmensberater beweisen, dass er die großen Versprechen aus seinem Wahlkampf auch umsetzen kann. Für die mehr als 350 Jahre alte Institution ist es der Beginn eines neuen Zeitalters.

Bergmann sitzt seit 2011 im Plenum der Handelskammer, lange als belächelter Einzelkämpfer für mehr Demokratie und Transparenz. Bei der vergangenen Kammerwahl errangen er und seine Mitstreiter überraschend 55 von 58 Sitzen im Plenum. In Sachen Transparenz hat sein Bündnis schon bei der ersten Sitzung geliefert: Zum ersten Mal fand sie öffentlich statt, deutschlandweit ein Novum. Bisher durften außer den Plenariern nur Mitglieder der Handelskammer nach vorheriger Anmeldung teilnehmen. Für die Öffnung bediente Bergmann sich eines Tricks. Um die Sitzung öffentlich abzuhalten, muss eigentlich erst die Satzung geändert werden, doch es hätte zu lange gedauert, bis die Änderung wirksam geworden wäre. Deshalb konnten sich alle Interessierten in einer Gästeliste eintragen. Und der neue Präses öffnete gleich nach seiner Wahl die Türen des Plenarsaals und bat seine Gäste herein.

Der erste öffentliche Tagesordnungspunkt: "Änderung der Satzung der Handelskammer Hamburg zwecks Öffnung der Plenarsitzungen für die Öffentlichkeit". Man wolle die Hinterzimmerpolitik der Kammer beenden, erklärte das neue Präsidium. Der Beschluss: einstimmig. Auch die drei Plenarier, die nicht zu Bergmanns Bündnis gehören, erhoben keine Einwände. Nur der Haspa-Chef, der letzte verbliebene Vertreter eines namhaften Großunternehmens im Plenum, wollte vor der Abstimmung klarstellen, dass es sich auch zuvor keineswegs um Hinterzimmerpolitik gehandelt habe.

Das Thema Transparenz wird Bergmann weiter begleiten. Als sein Bündnis in der Opposition war, trafen sich die "Rebellen" stets vor den Sitzungen, um ihre Strategie zu besprechen. Nicht öffentlich. Der Gedanke liegt nahe, dass wichtige Themen auch weiterhin außerhalb des Plenums beratschlagt werden – und die öffentlichen Sitzungen damit entwertet werden. Offen ist auch, wie groß das Interesse an den Plenumssitzungen langfristig sein wird. Selbst bei der ersten öffentlichen Sitzung war der für Zuschauer reservierte Albert-Schäfer-Saal kaum halb voll. Ein Arbeitskreis Transparenz soll sich nun mit all diesen Fragen beschäftigen.

Die schwierigste Aufgabe des neuen Plenums bleibt allerdings die versprochene Abschaffung der Kammerbeiträge bis zum Jahr 2020. Die Handelskammer verfügt über einen aufwendigen Verwaltungsapparat mit rund 270 Mitarbeitern. Dazu kommen hohe Pensionsverpflichtungen. Sollte sich die Institution, wie von Bergmann vorgeschlagen, nur noch über freiwillige Beiträge und Gebühren finanzieren, müsste sie die Mitarbeiterzahl wohl halbieren. Normale Fluktuation und Ruhestände werden dafür nicht reichen.