Zum Ruhme Hölderlins haben nicht nur seine Dichtungen beigetragen, sondern auch sein angeblicher oder wirklicher Wahnsinn. Es war der französische Germanist Pierre Bertaux, der 1978 die These aufstellte, Hölderlin sei, inspiriert von der Französischen Revolution, Anhänger einer "Schwäbischen Republik" gewesen, sei verraten und von Wohlgesinnten für geisteskrank erklärt worden, um ihn vor einem Hochverratsprozess samt Kerkerhaft zu schützen. Der Dichter habe sich also die letzten 35 Jahre seines Lebens mit dem Mantel der Verrücktheit umgeben, um gefahrlos weiterhin dichten zu können.

Reinhard Horowski, seines Zeichens Arzt und Pharmakologe, wandelt auf den Spuren von Bertaux und erreicht in seinem Büchlein zweierlei: Erstens zerpflückt er die überall verbreitete Diagnose, es habe sich um Schizophrenie gehandelt, und zweitens erklärt er die Absonderlichkeiten des späten Hölderlin mit den Folgeschäden einer barbarischen Misstherapie. Hölderlin war in Homburg für krank erklärt und nach Tübingen überwiesen worden, wo er in die Hände eines Arztes fiel, der ihn mit Kalomel (Quecksilberchlorid), einem damals gerne angewendeten Mittel, dauerhaft vergiftete. Hölderlin, so sein Verteidiger Horowski, sei zwar körperlich zerrüttet gewesen, aber geistig auf der Höhe. In der Tat hat er bis zuletzt sehr schöne und bemerkenswerte Gedichte geschrieben, die nicht dafür sprechen, ein Verrückter habe sie verfasst. Es ist ja ein triviales Missverständnis, Dichtung und Wahnsinn als zwingenden, vielleicht gar göttlichen Zusammenhang zu begreifen. Der Gedanke selber ist Ausgeburt einer ideologischen Verblendung und passte in jene Zeit, als deutsche Soldaten Hölderlin im Tornister trugen.

Man liest diese muntere Streitschrift so gern, weil Reinhard Horowski seinen Hölderlin liebt. Er kennt ihn ausgezeichnet, und er trägt eine Menge guter Argumente zusammen, um ihn vom Odium der Geistesschwäche zu befreien.

Reinhard Horowski: Hölderlin war nicht verrückt – Eine Streitschrift. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2017; 190 S., 20,– €