Gäbe es den Zufall nicht, würden heute keine 210 chinesischen Mittelständler ihre Handelsgeschäfte vom Saar-Nahe-Bergland aus betreiben, lebten keine 600 Chinesen in einem 3.200-Einwohner-Dorf im Süden von Rheinland-Pfalz. Ohne eine zufällige Begegnung zweier Menschen am Frankfurter Flughafen gäbe es das chinesische Drehkreuz nicht – und nicht die Vision einer chinesischen Weltfabrik mitten in Europa.

Andreas Scholz ist extrem beschäftigt: Das Smartphone vibriert und vibriert und vibriert, er gibt kurze Anweisungen an die Mitarbeiter, zwischendurch schenkt er sich Kaffee nach. Andreas Scholz ist der Visionär. 2012 war es, da war Scholz zufällig am Frankfurter Flughafen, Terminal 1, im Wartebereich sprach er Jane Hou an. Scholz ist ein offener Typ, jemand, der gern mit anderen ins Gespräch kommt. Hou war auf Geschäftsreise in Deutschland gewesen, nun war sie auf dem Weg zurück nach China. Scholz und Hou sprachen über dieses und jenes, und irgendwann erzählte Hou dem Deutschen von ihrer Vision, chinesische Unternehmer in der Bundesrepublik anzusiedeln. Sie suchte einen Büroleiter für den deutschen Standort. Wenig später hatte Scholz seinen Job gekündigt und saß im Flieger nach China. Die Geschichte von Scholz und Hou und der Weltfabrik ist im doppelten Sinne eine der Globalisierung.

Inzwischen, fünf Jahre später, ist Andreas Scholz einer der geschäftsführenden Gesellschafter der ICCN GmbH, ebenso wie Jane Hou. ICCN steht für International Commercial Center Neubrücke, so heißt ein Ortsteil von Hoppstädten-Weiersbach, dem Dorf im Süden von Rheinland-Pfalz. Und will man erklären, weshalb chinesische Unternehmer hierher kommen wollen, weshalb sie hier Geschäfte machen und vor allem auch leben möchten, kann man sich an Fakten halten: China ist der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien, Deutschland ist Chinas wichtigster Handelspartner in Europa.

Man kann aber auch einfach aus einem der Bürofenster schauen, so wie Andreas Scholz an diesem Morgen, auf den Wald, das Gras, in den Himmel, der gerade blau ist. Man kann das Fenster öffnen und tief einatmen oder den Wasserhahn aufdrehen und einen Schluck trinken. "Das habe ich anfangs, wenn potenzielle Kunden kamen, immer zum Spaß gemacht", erzählt Scholz. "Sie glauben nicht, wie beeindruckt die waren. In den Großstädten dort ist das nicht möglich."

2012 kamen die ersten Interessenten nach Hoppstädten-Weiersbach. Jane Hou hatte sie, nur mit einem Laptop und dieser Vision im Kopf, vom südchinesischen Shenzhen aus für den Besuch gewonnen. Zwölf Chinesen, drei Tage Deutschland: ein Besuch in Trier, dem Geburtsort von Karl Marx, ein Besuch in Idar-Oberstein. Outlet-Shopping, ein bisschen Golfspielen, auf jeden Fall eine Weinprobe. Die Gruppe besuchte Schulen, das örtliche Krankenhaus, die Einkaufsmöglichkeiten, Behörden. Dann ging alles sehr schnell. "Wenn sich ein chinesischer Unternehmer entscheidet, hierher zu kommen, dann will er sofort seine Koffer packen", sagt Scholz. "Dort herrscht eine ganz andere Dynamik als bei uns." Vier der Unternehmer entschieden sich tatsächlich, nach Rheinland-Pfalz zu ziehen und eine der Wohnungen in Ex-Immobilien der amerikanischen Armee zu kaufen – um von dort ins Europageschäft einzusteigen.

Heute ist die alte Wohngegend der US-Armee ein kleines Chinatown: "Herzlich willkommen im Oak Garden", steht auf einem großen Schild an der Einfahrt zum Areal – Oak Garden, Eichengarten, wegen der vielen Bäume, die hier stehen. 橡树园, xiàngshùyuán, heißt es auf Chinesisch. Scholz kann das aussprechen – dass er ursprünglich aus Baden kommt, hört man dann.

Für das internationale Flair tragen die Wohnblöcke Namen wie Berlin, London, New York oder Hongkong. Zwei Straßen gibt es, die durch Chinatown führen, Robinson Road und Oak Road.