DIE ZEIT: Auf einmal gibt es wieder Hungersnöte: in Somalia, im Südsudan, in Nigeria und im Jemen. Wie kann es dazu heute überhaupt noch kommen?

Axel Dreher: In allen vier Ländern gibt es bewaffnete Konflikte. Im Südsudan und im Jemen herrscht Krieg. Die betroffenen Regionen in Somalia und in Nigeria leiden unter der Gewalt von Terrormilizen. In den drei afrikanischen Ländern kommt eine Dürrekatastrophe hinzu. Und wenn dann noch die Zentralregierung fast wirkungslos ist oder praktisch nicht vorhanden, dann brechen die Infrastruktur und der Handel vollends zusammen, die Ernte wird zerstört, und Menschen beginnen zu fliehen.

ZEIT: Was muss jetzt getan werden?

Dreher: Die Ressourcen der Hilfsorganisationen müssen deutlich ausgeweitet werden. Wir laufen hier auf eine Katastrophe zu. Es ist einfach nicht genug Geld da, um Nahrungsmittel und Medikamente bereitzustellen. Wo es irgend möglich ist, sollte der Westen allerdings auf direkte Warenlieferungen verzichten und stattdessen Geld oder Gutscheine verteilen.

ZEIT: Wie bitte: Gutscheine?

Dreher: Ja, Gutscheine. Die verteilt man überall dort, wo man die benötigten Güter am Wohnort noch erhalten kann, viele Leute aber kein Geld mehr haben, um sie zu erwerben. Die Menschen tauschen sie dann gegen Lebensmittel ein. So können die Betroffenen selbst entscheiden, was sie kaufen. Das stärkt die lokalen Märkte. Sogar in einigen Regionen im umkämpften Somalia kann man relativ normal einkaufen gehen. Auch in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern gibt es kleine Läden.

ZEIT: Was ist mit den Regionen, in denen es nichts zu kaufen gibt?

Dreher: Dort bleibt nur die Möglichkeit, dass der Westen doch versucht Waren bis in die Orte des Hungers zu liefern. Die Transportwege sind allerdings lang, und unterwegs geht durch Bestechung oft ein großer Teil der Fuhren verloren. Außerdem besteht für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die Gefahr, dass sie selbst Opfer von Gewalt werden. Das führt dazu, dass die Lieferungen nur dort ankommen, wo man einigermaßen sicher helfen kann. Deshalb sollte die Versorgung durch den Einsatz von Friedenstruppen unterstützt werden, die Sicherheitszonen einrichten. Das wird bisher in viel zu geringem Umfang gemacht.

ZEIT: Warum klappt das bislang nicht?

Dreher: Hier geht es um humanitäre Hilfe, auch Nothilfe genannt. Das Problem ist, dass man die Mittel dafür erst bekommt, wenn der Notfall da ist. Aber diese Katastrophen entstehen ja nicht urplötzlich, man sieht sie vielmehr langsam kommen. Man könnte also ganz anders reagieren und rechtzeitig gegensteuern.