Die neueste Erfolgsmeldung: Der Pharmakonzern Merck hat in den USA die Zulassung für ein Medikament namens Avelumab erhalten, in Europa dürfte sie bald folgen. Der Antikörper wirkt gegen eine seltene Form von Hautkrebs. Weil die US-Arzneimittelaufsicht die bisherigen Behandlungsergebnisse als Durchbruch wertete, erteilte sie die Genehmigung im Eilverfahren.

Avelumab gehört zu einer neuen Klasse von Immuntherapeutika, die das Abwehrsystem in die Lage versetzen sollen, Krebs zu bekämpfen. Spektakuläre Geschichten über die neuen Präparate machen die Runde, wie die vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der an schwarzem Hautkrebs erkrankt war. In seinem Körper wucherten bereits Metastasen. Nachdem er 2015 ein mit Avelumab verwandtes Medikament erhielt, war der Krebs nicht mehr nachzuweisen.

Massive Werbekampagnen der Pharmaunternehmen haben dazu beigetragen, dass um die Immuntherapie ein regelrechter Hype entstanden ist. Die Behandlung gilt im Gegensatz zur Chemotherapie als zielgerichtet und nebenwirkungsarm. Im Jahr 2016 galten ihre Grundlagen gar als nobelpreisverdächtig. Und tatsächlich können die Medikamente manchen Menschen helfen, die an bisher unheilbaren Tumoren leiden. Aber gerade wenn eine neue Krebstherapie große Hoffnung weckt, müssen Ärzte damit verantwortungsvoll umgehen.

Zur Wahrheit gehört, dass die Immuntherapie nur bei manchen Patienten anschlägt. Bisher weiß niemand, woran das liegt. Zugelassen ist sie zudem praktisch nur als letzte Option, wenn konventionelle Methoden wie Bestrahlung oder Chemotherapie versagt haben. Aus gutem Grund: Die Wissenschaft ist weit davon entfernt, die ganze Komplexität unserer Immunverteidigung zu verstehen. Wer die körpereigene Abwehr entfesselt, muss damit rechnen, dass sie sich auch gegen gesunde Körperzellen richtet. In der New York Times warnten Mediziner kürzlich vor den Nebenwirkungen der Medikamente: direkte Attacken des Immunsystems auf Organe wie den Darm, aber auch eine neue Form von Diabetes.

Nun berichten Ärzte im Journal Clinical Cancer Research von Patienten, deren Tumore nach Beginn der Immuntherapie massiv gewachsen seien. Dass die neuartigen Medikamente die Ursache waren, ist nicht belegt. Aber es ist denkbar, dass sie in manchen Fällen mehr schaden als nützen. Große, aussagekräftige Studien dazu fehlen. Sie müssen jetzt auf den Weg gebracht werden – damit Ärzte und Patienten wissen, worauf sie sich einlassen.