Auf den ersten Blick handelt der Streit um den Berliner Historiker Jörg Baberowski davon, was man derzeit in Deutschland sagen darf und was nicht. Baberowski, der weit über die Humboldt-Universität hinaus einen Ruf als exzellenter Osteuropa-Kenner und Gewaltforscher genießt, hatte sich gerichtlich dagegen verwahrt, von Studierendenvertretern in Bremen als rechtsradikal bezeichnet zu werden – und verloren.

Aber wer die Protagonisten trifft, sieht sich schon nach wenigen Minuten mitten hineinkatapultiert in den politischen Bildungsroman der Bundesrepublik, in seine dunkelsten und auch in ein paar seiner helleren Seiten.

"Ich bin nicht so stark, wie ich zu wirken scheine", sagt Jörg Baberowski gleich zu Beginn des Gesprächs, für das wir uns in die hinterste Ecke des Café Einstein Unter den Linden verzogen haben. "Die Kampagne zerrüttet mein Privatleben; es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke. Und das wissen diese Leute auch ganz genau."

Diese Leute – das ist eine winzige Gruppe von Trotzkisten, die deutsche Sektion der International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), die in Berlin etwa 20 Mitglieder hat. Sie sind zum Treffen am selben Nachmittag in einem Café nahe der Humboldt-Uni sicherheitshalber zu zweit angerückt: Der Wortführer, Christoph Vandreier, 35 – ein promovierter Psychologe, der sein Leben gänzlich in den Dienst der Politik gestellt hat. Das finanziere er durch Beiträge für die World Socialist Web Site, die wiederum vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale herausgegeben wird – anscheinend eine leidlich lukrative Angelegenheit. Und Sven Wurm, 28, der an Baberowskis Fachbereich Geschichte studiert. Er folgt dem Gespräch meist in stummer Aufgeregtheit, ihm kommt hier offenbar die Rolle des jugendlichen Beglaubigers zu.

Beide sagen, die Angst vor einem Dritten Weltkrieg, vor der Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik treibe sie um. "Wir wollen keine Vendetta gegen Herrn Baberowski", betont Vandreier wieder und wieder. Sie verteilten lediglich Flugblätter vor seinen Hörsälen, schrieben Artikel und lüden zu Diskussionsveranstaltungen ein – und das sei ja wohl erlaubt. Aber Baberowski versuche eben, die Geschichte umzudeuten, den deutschen Imperialismus von seinen Verbrechen reinzuwaschen, um neue Verbrechen, neue Kriege vorzubereiten. "Das können und wollen wir nicht zulassen."

Baberowski wiederum sagt, die Trotzkisten verfolgten ihn bis in sein Privatleben. "Ich werde in der Öffentlichkeit fotografiert, gefilmt. Sie nehmen meine Vorlesungen auf. Ich überlege mir genau, wen ich wo treffe. Ständig erzählen mir Kollegen aus Israel oder den USA, sie hätten Anrufe bekommen, in denen ich als Rechtsextremist denunziert werde. Diese Gruppe hat sich vorgenommen, mein Leben zu ruinieren."

Aber genau in diesen aufgebrachten, gestrengen Jungmarxisten begegnet Jörg Baberowski auch den Dämonen seiner eigenen Jugend wieder, dem ungnädigen jungen Mann, der er selber einmal war. "Der Jargon, in dem die sich verständigen, die kalte Abstraktion, mit der sie über Menschen reden – all das kenne ich aus meiner Zeit als Schüler beim Kommunistischen Bund Westdeutschland", erzählt der Historiker. Auch wenn er als 1961 Geborener deutlich jünger war als KBW-Genossen wie Jürgen Trittin (später Grüne) oder die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (später SPD), hat Baberowski alles mitgemacht, was zum "roten Jahrzehnt" der K-Gruppen dazugehörte. Die Abende der Selbstkritik, wo man sich vor der versammelten Mannschaft seiner bürgerlichen Versuchungen bezichtigte. Die Klingelbeutel, mit denen die Genossen durch seine Heimatstadt Holzminden an der Weser gelaufen sind, um Geld für "Bruder 1", den kambodschanischen Diktator Pol Pot zu sammeln. Die radikale Invasion der Partei ins Privatleben ihrer Mitglieder, die nicht in Urlaub fahren sollten und die ihr Gehalt, das sie beim ortsansässigen Elektrohersteller als Physiker oder Techniker verdienten, abzugeben hatten.

Die NS-Vergangenheit der eigenen Familie verstehen

Die volle Härte seines jugendlichen Rechthabismus aber traf naturgemäß Baberowskis Vater Felix, weil der bei der Wehrmacht gewesen war. Dessen Familie kam ursprünglich aus dem schlesischen Arbeitermilieu und war nicht gläubig; die der Mutter wiederum, Maria Baberowski, aus dem "extrem gläubigen" ostwestfälischen Milieu, in dem der Katholizismus den Priester dazu brachte, gegen Euthanasie zu protestieren oder sich abzuwenden, wenn das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde. "Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, wie kostbar dieser katholische Konservatismus war", sagt Baberowski im Rückblick. Als Schüler hatte der Aufmüpfige einen solchen Rochus auf alle Autoritäten, dass er nicht Messdiener wurde.

Der Großvater väterlicherseits war als Berufssoldat im 19. Jahrhundert aus dem späteren Polen nach Deutschland gekommen und Unteroffizier der kaiserlichen Armee gewesen. Später war er Hausmeister. Die SA sei für ihn eine gute Heimat gewesen, weil man dort modern und technikaffin gewesen sei, weil sich Aufstiegsmöglichkeiten geboten hätten und weil man in der SA die "Blaublütigen", den Adel, verachtet habe, erinnert sich Baberowski. "Die Familie meines Vaters hatte keine so feste moralische Verwurzelung wie die meiner Mutter, die waren leichter für die Sache des Nationalsozialismus zu kriegen." Nach dem Krieg sei der Vater von alldem "geheilt" gewesen. Er habe sich nur noch als Kanonenfutter gesehen, als jemand, dem die adligen Offiziere die Jugend geraubt hatten, als Opfer. Der 8. Mai 1945 war für Felix Baberowski, der den Rest seines Lebens SPD-Mitglied blieb, ein Tag der Befreiung, den er in Kriegsgefangenschaft in der Lüneburger Heide erlebte.

Dieser Vater ("ein fröhlicher Rheinländer") sprach so gut wie nie über das, was er im Krieg als Panzerfahrer an der Westfront erlebt hatte. Bis auf einmal. Baberowski sagt, er selbst müsse elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Szene, die der Vater plötzlich wie aus dem Nichts schilderte, hat es bis in Baberowskis Bücher geschafft. Sie ist ein Schlüssel für die zentrale Frage, die im Grunde all seine Arbeiten durchzieht: Wie wird jemand, der kein böser Mensch ist, zum Gewalttäter? Was geschieht mit Menschen, wenn sie den "Raum der Gewalt" betreten?

Im Frühjahr 1945, also kurz vor dem Ende des Krieges, haben Felix Baberowski und seine Kameraden in eine amerikanische Fahrzeugkolonne geschossen. Sehr langsam sei die Kolonne auf einer engen Straße in der Eifel von der Talsohle nach oben gefahren. Mit einem gezielten Schuss hatte der Vater das erste Vehikel in Brand gesetzt, und dann das letzte, sodass der Trupp hoffnungslos gefangen war. "Wie auf Tontauben", so sagte der Vater, habe man auf die Fahrzeuge gefeuert. "Mich hat das zuerst überhaupt nicht um den Schlaf gebracht, überhaupt nicht irritiert. 'Tontauben', das ist doch total abstrakt", so erzählt nun Jörg Baberowski. "Erst sehr viel später habe ich mich gefragt: Er war doch selbst Panzerfahrer. Er muss doch gewusst haben, was das bedeutet, in einem brennenden Fahrzeug eingeschlossen zu sein. Er muss doch die Flammen gesehen haben. Da müssen doch Leute aus den Wagen gesprungen sein, entsetzlich geschrien haben. Aber ich konnte das alles einfach überhaupt nicht mit dem vergnügten Menschen zusammenbringen, den ich kannte."

Man ahnt schon, wie Baberowskis Versuch, den Vater zu verstehen – nachdem er ihn als junger Mann jahrelang selbst harsch verurteilt und den Kontakt zu ihm abgebrochen hat –, dem ungnädigen Blick aus der Vogelperspektive der IYSSE erscheint: als Apologie der Nazis. In seinem zuletzt erschienenen Buch Räume der Gewalt erklärt Baberowski, nicht die Ideologie ermögliche Exzesse der Gewalt, überhaupt könne man sie letztlich nicht erklären. Sie sei einfach immer latent als Möglichkeit da, heute so wie vor siebzig oder zweihundert Jahren. "Der Mensch wird nicht, was er ist, er ist schon immer komplett gewesen", schreibt Baberowski. Es komme auf eine Situation an, in der die Gewalt nicht verboten, sondern geboten sei: im Krieg, im Ghetto, im Lager. Menschen töten, weil sie es können. "Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord", so zitiert er Elias Canetti zustimmend, "ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich."

In einem solchen Geschichtsbild versinken natürlich Antisemitismus, Rassenhass, überhaupt historische Konstellationen in der Bedeutungslosigkeit. Im Buch wechseln sich deshalb auch Szenen aus Sibirien, aus Bergen-Belsen, aus Ruanda oder den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in atemloser Folge ab. Man fühlt sich sofort an die Kontroverse zwischen Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger erinnert, der die Atombombe auf Hiroshima mit Auschwitz verglichen hatte. Wenn es überall und jederzeit geschehen kann, trifft die Deutschen keine besondere Schuld. Dann ist der Mord an den europäischen Juden eben nichts Singuläres. Dass auf diese Weise ausgerechnet die Studentenbewegung, die ja überhaupt erst das gesellschaftliche Gespräch über die Nazi-Vergangenheit erzwungen hatte, auf verschlungenen Wegen die Väter doch auch wieder in Schutz nahm, gehört zu den seltener erzählten Kapiteln des politischen Bildungsromans der Bundesrepublik. Nur ist "den Vater verstehen" natürlich etwas völlig anderes als "neue Kriege vorbereiten" – wie es Baberowski von Christoph Vandreier und der IYSSE unterstellt wird.

"Putin-Versteher" und "Nazi-Relativierer"

Jörg Baberowski hat sich selbst Russisch beigebracht. Ausgerechnet 1991 – in dem Jahr, in dem der Kommunismus unterging und der Wilde Westen in Russland ausbrach, in dem Jahr, als es oft nichts zu essen gab – zog der frischgebackene Historiker nach Leningrad und tauchte ab in die Archive. Fünfzehn endlose Jahre verbrachte Baberowski mit den kleinen Zetteln, auf denen Josef Stalin akribisch jede Untat auflistete, die er selbst oder andere in seinem Auftrag begingen – vom Massaker in Katyn bis zum erschlagenen Hausmeister. Es waren Jahre in der Hölle.

Er hat aus diesen Jahren drei Konsequenzen gezogen. Erstens: Man erfährt nichts über Gewalt, wenn sie nicht als blutiges Geschehen empfunden wird. "Dem Leser soll übel werden", schreibt Baberowski im Vorwort von Räume der Gewalt. Auch hier wieder denkt er an die gestrengen Studenten der IYSSE oder an den jungen KBW-Mann, der er selbst war. "Es ist leicht, 'Tod der Bourgeoisie' zu rufen. Aber wenn der konkrete Herr Müller aus Holzminden umgebracht werden soll, ist es halt etwas anderes." Baberowski sagt, er habe den Dekan der Philosophischen Fakultät gebeten, ein Gespräch mit dem Studenten Sven Wurm von der IYSSE zu verabreden. Das stimmt. "Aber er ist vor mir weggelaufen. Er wollte mich nicht als Mensch sehen oder gar mögen müssen."

Wurm wiederum sagt, Baberowski habe ihn beschimpft, als "rot lackierten Faschisten", und habe ihn seinerseits fotografiert, habe Sicherheitskräfte der Uni angerufen. Auch das stimmt.

Eine zweite Lehre aus den Jahren in Moskau, in denen Baberowski lange bei einer Arbeiterfamilie wohnte, war das Verständnis dafür, dass Menschen an autoritären Ordnungen festhalten. Dass viele Russen die eiserne Hand der Putinschen Herrschaft dem Chaos der frühen neunziger Jahre vorziehen. Mafiabanden führten blutige Verteilungskriege, die Währung zerfiel, Staatseigentum wurde verscherbelt, und die Leute verarmten. Putins Diktum, der Untergang des Kommunismus sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen, würde deshalb von vielen geteilt. Flugs haftete an Baberowski, der auch für diese Zeitung schreibt, fürderhin das Label des "Putin-Verstehers". "Putin-Versteher", "Nazi-Relativierer" – Baberowski ist es gelungen, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Und als er zuletzt noch die Merkelsche Flüchtlingspolitik scharf kritisierte ("Warum soll der Bürger für eine Einwanderung zahlen, die er weder zu verantworten noch gewünscht hat?") – da war er für viele derjenigen, die Baberowski "Tugendwächter" nennt, vollends erledigt.

Baberowski, der mit einer Iranerin verheiratet ist, findet es "grässlich", dass Björn Höcke von der AfD Zitate wie dieses von ihm zustimmend auf seiner Facebook-Seite postet. Er will, ganz ausdrücklich, die multikulturelle Gesellschaft. Genauso falsch findet er es aber, wenn Autos von AfD-Politikern angezündet werden. Wenn der Bundestagspräsident Lammert zu krummen Geschäftsordnungstricks greift, um der AfD den Posten des Alterspräsidenten zu entwinden. Wenn die Gewerkschaft ver.di einen Leitfaden herausgibt, wie man AfD-Politiker in Betrieben isoliert. Baberowski macht sich ernsthaft Sorgen, dass Deutschland an der Flüchtlingskrise zerbricht. "Deutschland", so sagt er, "ist ein hilfsbereites und gastfreundliches Land. Menschen verschiedener Kulturen kommen hier gut miteinander aus. Aber all das wird aufs Spiel gesetzt, wenn Moral und Tugend die einzige Ressourcen sind, aus denen Begründungen für das politische Handeln kommen."

Die dritte Lehre, die Baberowski aus den dunklen Jahren mit Stalins Mörderzetteln gezogen hat, ist, dass er aufhören muss, sich mit der Gewalt zu beschäftigen. "Ich hätte das nie tun sollen", sagt er leise, mit Blick auf die eigene Konstitution. Sein neues Projekt: eine Biografie über Nikita Chruschtschow. Den Mann, der aus der Sowjet-Brutalität herausgefunden und darüber gesprochen hat. Ein Schritt ins Freie, ans Tageslicht. Baberowski lächelt. Es gibt noch einen weiteren Plan. Ein Gespräch mit den Studenten.

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