Die volle Härte seines jugendlichen Rechthabismus aber traf naturgemäß Baberowskis Vater Felix, weil der bei der Wehrmacht gewesen war. Dessen Familie kam ursprünglich aus dem schlesischen Arbeitermilieu und war nicht gläubig; die der Mutter wiederum, Maria Baberowski, aus dem "extrem gläubigen" ostwestfälischen Milieu, in dem der Katholizismus den Priester dazu brachte, gegen Euthanasie zu protestieren oder sich abzuwenden, wenn das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde. "Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, wie kostbar dieser katholische Konservatismus war", sagt Baberowski im Rückblick. Als Schüler hatte der Aufmüpfige einen solchen Rochus auf alle Autoritäten, dass er nicht Messdiener wurde.

Der Großvater väterlicherseits war als Berufssoldat im 19. Jahrhundert aus dem späteren Polen nach Deutschland gekommen und Unteroffizier der kaiserlichen Armee gewesen. Später war er Hausmeister. Die SA sei für ihn eine gute Heimat gewesen, weil man dort modern und technikaffin gewesen sei, weil sich Aufstiegsmöglichkeiten geboten hätten und weil man in der SA die "Blaublütigen", den Adel, verachtet habe, erinnert sich Baberowski. "Die Familie meines Vaters hatte keine so feste moralische Verwurzelung wie die meiner Mutter, die waren leichter für die Sache des Nationalsozialismus zu kriegen." Nach dem Krieg sei der Vater von alldem "geheilt" gewesen. Er habe sich nur noch als Kanonenfutter gesehen, als jemand, dem die adligen Offiziere die Jugend geraubt hatten, als Opfer. Der 8. Mai 1945 war für Felix Baberowski, der den Rest seines Lebens SPD-Mitglied blieb, ein Tag der Befreiung, den er in Kriegsgefangenschaft in der Lüneburger Heide erlebte.

Dieser Vater ("ein fröhlicher Rheinländer") sprach so gut wie nie über das, was er im Krieg als Panzerfahrer an der Westfront erlebt hatte. Bis auf einmal. Baberowski sagt, er selbst müsse elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Szene, die der Vater plötzlich wie aus dem Nichts schilderte, hat es bis in Baberowskis Bücher geschafft. Sie ist ein Schlüssel für die zentrale Frage, die im Grunde all seine Arbeiten durchzieht: Wie wird jemand, der kein böser Mensch ist, zum Gewalttäter? Was geschieht mit Menschen, wenn sie den "Raum der Gewalt" betreten?

Im Frühjahr 1945, also kurz vor dem Ende des Krieges, haben Felix Baberowski und seine Kameraden in eine amerikanische Fahrzeugkolonne geschossen. Sehr langsam sei die Kolonne auf einer engen Straße in der Eifel von der Talsohle nach oben gefahren. Mit einem gezielten Schuss hatte der Vater das erste Vehikel in Brand gesetzt, und dann das letzte, sodass der Trupp hoffnungslos gefangen war. "Wie auf Tontauben", so sagte der Vater, habe man auf die Fahrzeuge gefeuert. "Mich hat das zuerst überhaupt nicht um den Schlaf gebracht, überhaupt nicht irritiert. 'Tontauben', das ist doch total abstrakt", so erzählt nun Jörg Baberowski. "Erst sehr viel später habe ich mich gefragt: Er war doch selbst Panzerfahrer. Er muss doch gewusst haben, was das bedeutet, in einem brennenden Fahrzeug eingeschlossen zu sein. Er muss doch die Flammen gesehen haben. Da müssen doch Leute aus den Wagen gesprungen sein, entsetzlich geschrien haben. Aber ich konnte das alles einfach überhaupt nicht mit dem vergnügten Menschen zusammenbringen, den ich kannte."

Man ahnt schon, wie Baberowskis Versuch, den Vater zu verstehen – nachdem er ihn als junger Mann jahrelang selbst harsch verurteilt und den Kontakt zu ihm abgebrochen hat –, dem ungnädigen Blick aus der Vogelperspektive der IYSSE erscheint: als Apologie der Nazis. In seinem zuletzt erschienenen Buch Räume der Gewalt erklärt Baberowski, nicht die Ideologie ermögliche Exzesse der Gewalt, überhaupt könne man sie letztlich nicht erklären. Sie sei einfach immer latent als Möglichkeit da, heute so wie vor siebzig oder zweihundert Jahren. "Der Mensch wird nicht, was er ist, er ist schon immer komplett gewesen", schreibt Baberowski. Es komme auf eine Situation an, in der die Gewalt nicht verboten, sondern geboten sei: im Krieg, im Ghetto, im Lager. Menschen töten, weil sie es können. "Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord", so zitiert er Elias Canetti zustimmend, "ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich."

In einem solchen Geschichtsbild versinken natürlich Antisemitismus, Rassenhass, überhaupt historische Konstellationen in der Bedeutungslosigkeit. Im Buch wechseln sich deshalb auch Szenen aus Sibirien, aus Bergen-Belsen, aus Ruanda oder den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in atemloser Folge ab. Man fühlt sich sofort an die Kontroverse zwischen Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger erinnert, der die Atombombe auf Hiroshima mit Auschwitz verglichen hatte. Wenn es überall und jederzeit geschehen kann, trifft die Deutschen keine besondere Schuld. Dann ist der Mord an den europäischen Juden eben nichts Singuläres. Dass auf diese Weise ausgerechnet die Studentenbewegung, die ja überhaupt erst das gesellschaftliche Gespräch über die Nazi-Vergangenheit erzwungen hatte, auf verschlungenen Wegen die Väter doch auch wieder in Schutz nahm, gehört zu den seltener erzählten Kapiteln des politischen Bildungsromans der Bundesrepublik. Nur ist "den Vater verstehen" natürlich etwas völlig anderes als "neue Kriege vorbereiten" – wie es Baberowski von Christoph Vandreier und der IYSSE unterstellt wird.