Jörg Baberowski hat sich selbst Russisch beigebracht. Ausgerechnet 1991 – in dem Jahr, in dem der Kommunismus unterging und der Wilde Westen in Russland ausbrach, in dem Jahr, als es oft nichts zu essen gab – zog der frischgebackene Historiker nach Leningrad und tauchte ab in die Archive. Fünfzehn endlose Jahre verbrachte Baberowski mit den kleinen Zetteln, auf denen Josef Stalin akribisch jede Untat auflistete, die er selbst oder andere in seinem Auftrag begingen – vom Massaker in Katyn bis zum erschlagenen Hausmeister. Es waren Jahre in der Hölle.

Er hat aus diesen Jahren drei Konsequenzen gezogen. Erstens: Man erfährt nichts über Gewalt, wenn sie nicht als blutiges Geschehen empfunden wird. "Dem Leser soll übel werden", schreibt Baberowski im Vorwort von Räume der Gewalt. Auch hier wieder denkt er an die gestrengen Studenten der IYSSE oder an den jungen KBW-Mann, der er selbst war. "Es ist leicht, 'Tod der Bourgeoisie' zu rufen. Aber wenn der konkrete Herr Müller aus Holzminden umgebracht werden soll, ist es halt etwas anderes." Baberowski sagt, er habe den Dekan der Philosophischen Fakultät gebeten, ein Gespräch mit dem Studenten Sven Wurm von der IYSSE zu verabreden. Das stimmt. "Aber er ist vor mir weggelaufen. Er wollte mich nicht als Mensch sehen oder gar mögen müssen."

Wurm wiederum sagt, Baberowski habe ihn beschimpft, als "rot lackierten Faschisten", und habe ihn seinerseits fotografiert, habe Sicherheitskräfte der Uni angerufen. Auch das stimmt.

Eine zweite Lehre aus den Jahren in Moskau, in denen Baberowski lange bei einer Arbeiterfamilie wohnte, war das Verständnis dafür, dass Menschen an autoritären Ordnungen festhalten. Dass viele Russen die eiserne Hand der Putinschen Herrschaft dem Chaos der frühen neunziger Jahre vorziehen. Mafiabanden führten blutige Verteilungskriege, die Währung zerfiel, Staatseigentum wurde verscherbelt, und die Leute verarmten. Putins Diktum, der Untergang des Kommunismus sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen, würde deshalb von vielen geteilt. Flugs haftete an Baberowski, der auch für diese Zeitung schreibt, fürderhin das Label des "Putin-Verstehers". "Putin-Versteher", "Nazi-Relativierer" – Baberowski ist es gelungen, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Und als er zuletzt noch die Merkelsche Flüchtlingspolitik scharf kritisierte ("Warum soll der Bürger für eine Einwanderung zahlen, die er weder zu verantworten noch gewünscht hat?") – da war er für viele derjenigen, die Baberowski "Tugendwächter" nennt, vollends erledigt.

Baberowski, der mit einer Iranerin verheiratet ist, findet es "grässlich", dass Björn Höcke von der AfD Zitate wie dieses von ihm zustimmend auf seiner Facebook-Seite postet. Er will, ganz ausdrücklich, die multikulturelle Gesellschaft. Genauso falsch findet er es aber, wenn Autos von AfD-Politikern angezündet werden. Wenn der Bundestagspräsident Lammert zu krummen Geschäftsordnungstricks greift, um der AfD den Posten des Alterspräsidenten zu entwinden. Wenn die Gewerkschaft ver.di einen Leitfaden herausgibt, wie man AfD-Politiker in Betrieben isoliert. Baberowski macht sich ernsthaft Sorgen, dass Deutschland an der Flüchtlingskrise zerbricht. "Deutschland", so sagt er, "ist ein hilfsbereites und gastfreundliches Land. Menschen verschiedener Kulturen kommen hier gut miteinander aus. Aber all das wird aufs Spiel gesetzt, wenn Moral und Tugend die einzige Ressourcen sind, aus denen Begründungen für das politische Handeln kommen."

Die dritte Lehre, die Baberowski aus den dunklen Jahren mit Stalins Mörderzetteln gezogen hat, ist, dass er aufhören muss, sich mit der Gewalt zu beschäftigen. "Ich hätte das nie tun sollen", sagt er leise, mit Blick auf die eigene Konstitution. Sein neues Projekt: eine Biografie über Nikita Chruschtschow. Den Mann, der aus der Sowjet-Brutalität herausgefunden und darüber gesprochen hat. Ein Schritt ins Freie, ans Tageslicht. Baberowski lächelt. Es gibt noch einen weiteren Plan. Ein Gespräch mit den Studenten.

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