Das Arbeitsleben hetzt, wie jeder weiß. Und wir? Wir haben mitzuhetzen. Auf diese Antwort läuft es immer hinaus, wenn vom Segen des Joggings die Rede ist. In einer Gesellschaft, in der Arbeit die neue Religion ist, wird Joggen das tägliche Gebet. Nachdem die Läufer bislang die Morgen- und Abendstunde – Laudes und Vesper – für ihre Andacht genutzt haben, entdecken sie neuerdings die kirchliche Sext: Laufen in der Mittagspause!

Der Verkoppelung dieses Sports mit der Arbeit ist offenbar keine Grenze gesetzt.

Es soll sogar einen Zusammenhang zwischen Jogging und pekuniärer Fluidität geben: Je mehr Schweiß fließt, desto mehr Geld fließt einem zu. Das legt eine Auswertung des Allensbach-Instituts nahe. Betrug das Haushaltsnettoeinkommen 2015 demnach bei 38,4 Prozent der Bevölkerung 3.000 Euro und mehr, so waren es in der Gruppe der Personen, die angaben, ab und zu laufen zu gehen, immerhin schon 46 Prozent, die so viel verdienten, und bei denen, die häufig laufen, ganze 50 Prozent.

Dass man beim Joggen den Kopf freibekommt, um ihn danach umso besser vollstopfen zu können, ist ein Nebeneffekt, den alle Läufer gerne mitnehmen. Entscheidend aber ist die körperliche Seite. Joggen soll für die Strapazen des Arbeitslebens rüsten. Klar, schließlich ist nichts anstrengender, als den ganzen Tag im Büro herumzuhängen. Zudem nähert sich der Körper durchs Joggen der geläufigen Schönheitsnorm an: Du arbeitest beim Joggen an deiner "guten Figur". Und deine gute Figur arbeitet für dich. Manchmal auf sehr handfeste Weise. Vor allem aber ist die gute Figur der unschlagbare Beweis, dass man sich selbst im Griff hat – und ein Versprechen, dass man auch andere und anderes in den Griff bekommt. Das weist den Träger der guten Figur als geeigneten Kandidaten für Managementaufgaben aus, einschließlich der höchsten: eine Firma zu verschlanken.

Das alte Sinnbild unternehmerischen Erfolgs, dicker Herr mit Zigarre, hat sich jedenfalls dünne gemacht. Der Lauftrainer und Autor Andreas Butz schreibt, nur etwa jeder 600. Deutsche wage sich an einen Marathon, unter den Chefs eines Dax- oder MDax-Unternehmens aber jeder zehnte! Grund genug für den alljährlichen Frankfurt Marathon, die Sonderwertung "Marathon-Manager" einzuführen. Sie ist laut Veranstalter "offen für Führungskräfte aus dem oberen und mittleren Management, die unternehmerisches Risiko und Verantwortung tragen, ein Unternehmen betriebswirtschaftlich leiten oder vollumfänglich in der Personalverantwortung stehen". Auf die Gewinner wartet – wie sollte es anders sein – "ein exklusiver Preis": eine Reise zum Mauritius-Marathon.

Die neuen Manager sind Marathon-Männer, Oberpriester der Arbeitsgesellschaft, die mit langem Atem und maximaler Zähigkeit unterwegs sind, ohne ihr Ziel je aus den Augen zu verlieren. Ihr Leitsatz: Lauft ohne Unterlass!

Vielleicht darf man hier auch den alttestamentarischen Grundsatz erwähnen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Oder, wie es der Große Vorsitzende Mao sagte: "Wenn man will, dass es keine Gewehre mehr geben soll, muss man das Gewehr in die Hand nehmen."

Das ist die Logik, die auch beim Joggen in Anschlag gebracht wird. Das ganze Gerenne dient ja dazu, der Arbeitsgesellschaft zu entkommen. Wer will, dass ihm keine superstressige Arbeit mehr blüht, muss sich jetzt ein bisschen hetzen. Dann gibt es einen netten Posten und ein Gehalt, mit dem sich ein hübsches Ruhekissen stopfen lässt, auf dem später mal schön die Füße hochgelegt werden.

Wenn nur auf dem Weg dorthin die Hetze nicht zum Selbstzweck geriete.

Also nix mit später. Man muss jetzt anfangen, sich aus der Arbeitsgesellschaft herauszubummeln. Ein erster Schritt wäre, Sport nicht mehr wie beim Jogging auf ein Ziel hin, sondern um seiner selbst willen zu betreiben. Nirgendwo ist das mehr der Fall als beim Tennis. Dort kann jeder, ganz gleich, welche Figur er hat, mit ein bisschen Übung eine gute Figur machen. Erst recht, wenn er klassisch in weißes Leinen gewandet den Court betritt. Jogger hingegen tragen Signalfarben. Das erleichtert es immerhin, ihnen weiträumig auszuweichen, und erspart den Anblick derjenigen, die in Funktionskleidung eingeschweißt vorbeikeuchen. Schön ist es nicht.

Tennis ist aristokratischer Herkunft. Damit soll nicht nahegelegt sein, man müsse der englischen Klassengesellschaft nachtrauern. Aber die englische Aristokratie hatte ein Verständnis von Spiel und Amüsement, das der um Effizienz bemühten Arbeitsgesellschaft abgeht. Sie wusste Zeit auf eine geschickte Weise gesellig und ästhetisch zu gestalten. Das aristokratische Tennis ist ebenso als Spiel wie Stil angelegt, ebenso als Dialog zwischen den Spielenden (der Ballwechsel) wie Tanz für einen Dritten, der auf das Spiel schaut.

Damit diese Qualitäten des Sports wieder hinter dem Wettkampfcharakter sichtbar werden, auf den die bürgerliche Arbeitsgesellschaft die Veranstaltung zugespitzt hat, bräuchte man allerdings einen neuen Glaubenssatz. Am besten jenen, der den Iren zugeschrieben wird und der jeglicher Hetze, jeglichem Kampf und Krampf die Grundlage entzieht. Es ist ein Glaubenssatz, der, wenn er sich herumspräche, an den Universitäten zur Folge hätte, dass die Zeitgeist-Business-Lehrgänge dichtmachen könnten, weil sich die Studenten in den neu entstehenden Schlender-Studies sammeln würden. Er lautet: When God made time, he made plenty of it. "Als Gott die Zeit schuf, ließ er sich nicht lumpen." Er schuf so viel davon, dass man sie noch heute aufs Schönste vertrödeln darf.