Wenn Mira Ungewitter predigt, ist der Saal voll. Wie passen Gott, Feminismus und ein hippes Diesseits zusammen?

Mira Ungewitters Version eines Talars besteht aus Turnschuhen und verwaschenem Johnny-Cash-T-Shirt. Gut sechzig junge Gesichter hängen am Palmsonntag an den Lippen der Pastorin, die hinter einem Stapel aus Softdrink-Kisten steht und ihre Predigt hält. "Mit dem kleinkarierten Regel-Jesus tue ich mich schwer", sagt Ungewitter. Sie erzählt vom Sohn Gottes, der sich vor dem Einzug nach Jerusalem Esel klauen lässt, im Tempel Randale macht, und von der Frage, wie er trotzdem sanftmütig sein soll. "Amen", sagt Ungewitter am Ende und nimmt einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher, während die Gemeinde ergriffen in soften Jesus-Pop einstimmt.

Frauen, die eine Predigt halten dürfen, sind in Österreich so rar wie überlaufene Gotteshäuser. Bei Mira Ungewitter ist das anders. Seit eineinhalb Jahren arbeitet die 32-jährige Kölnerin als Pastorin der Projektgemeinde Wien, einer ziemlich liberalen baptistischen Glaubensgemeinschaft. Die junge Theologin widerspricht allen Erwartungen an eine fromme Bibel-Jüngerin: Ungewitter ist eine extrovertierte, selbstbewusste Frau, die mehr urbanes Lebensgefühl denn religiösen Eifer ausstrahlt. Nächte verbringt sie in Clubs und die Ferien am Surf-Strand. Die Sonntagsgottesdienste hält sie um 17 Uhr, "eine studentenfreundliche Zeit", wie sie lachend sagt, und nachher wird schon mal bis in die Nacht hinein gefeiert.

Vor allem aber ist Mira Ungewitter überzeugt, in der jesustreuen Hemisphäre als emanzipierte Frau nicht im Hintertreffen zu sein. Feminismus, Gott und hippes Diesseits: Geht das zusammen? Kann man Religion, kann man ein geschriebenes Wort, das als von oben gegeben gilt, so auslegen, dass alle Türen der Gegenwart offen bleiben?

"Gott arbeitet gerne mit Weintrinkern, moralischen Versagern und spannenden Frauen", sagt Ungewitter. "Die ganze Bibel zeugt von Menschen, die Fehler haben, die eben keine Helden sind." Ungewitter kommt mit Erdbeeren und Keksen aus dem Supermarkt, Stärkung für die Gläubigen, die im Gemeindezentrum bohren, hämmern und Toilettenfliesen verlegen. Seit 15 Jahren gibt es die zum Freikirchenbund gehörende Projektgemeinde. Sie hat rund 250 aktive Mitglieder, Tendenz steigend. Der erste Sitz im dritten Wiener Bezirk ist zu klein geworden. Vor Kurzem wurde das Erdgeschoss eines einstigen Hotels mit großem Ballsaal in der Leopoldstadt bezogen. Jahrzehntelang verkamen die Räume als Holzlager, jetzt wird auf der mit Patina und trendigem Retrolook ausgestatteten Baustelle gebetet und gefeiert. Aschenbecher stehen herum, im Kühlschrank stapeln sich Flaschen mit Softdrinks, Cider und Augustiner-Bier. Vor dem Gottesdienst-Saal sollen ein Café, Coworking-Spaces und Ateliers entstehen. Viele, die eigentlich religiös seien, würden sich von christlichen Gemeinden unter Druck gesetzt fühlen, eine Entscheidung zwischen Welt und Kirche zu treffen, sagt Mira Ungewitter. "Uns ist es wichtig, in die Welt hineinzuwirken, statt uns von ihr abzuwenden."

Eine Kirche, in der Homosexualität normal ist, Abtreibung kein Tabu und Frauen in Führungspositionen erwünscht sind: Ungewitter weiß, dass ihre Gemeinde eine Ausnahme ist – auch unter den Baptisten. In der vor 400 Jahren in den Niederlanden entstandenen Konfessionsfamilie gibt es zwar ein paar grobe Glaubensgrundsätze, die Auslegung im Detail bleibt aber jeder Ortskirche selbst überlassen. Die Haltungen sind breit gefächert, "von sehr liberal-progressiv bis eher konservativ findet man einiges", wie Ungewitter diplomatisch sagt. In Österreich wurden die Baptisten erst 2013 als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Ungewitter ist eine gute, schnelle Rednerin mit melodischer Stimme und Humor. Sie weiß, wann Bonmots über Johnny Cash gut ankommen, den "Bad Boy der Baptisten", und wann sie sich "in konservativen Kreisen um Kopf und Kragen" redet. Wenn sie trotzdem mal in den klassischen Bibeljargon verfällt, entschuldigt sie sich bei Außenstehenden schmunzelnd. Denn bei aller prononcierten Liberalität: Das gottesfürchtige Lehrgebäude kommt durch, wenn die Pastorin über ihr Fach spricht. Etwa wenn sie Gott als "die Liebe" definiert, wenn sie ihren Glauben im Sinne des griechischen pistis mit Vertrauen erklärt, wenn sie von "seinem Sohn Jesus Christus" schwärmt, "der uns im Heiligen Geist begegnet".

Schon als Kind sei sie ziemlich bibelfest gewesen, erzählt Ungewitter. Aufgewachsen ist sie als Tochter einer kaufmännischen Angestellten und eines Vaters, der vor 30 Jahren die Frauenrolle übernahm und zu Hause bei Mira und dem jüngeren Bruder blieb. Ein Rollentausch lange vor den im urbanen Heute gehypten Papas mit Kinderwagen, der für das Kind Mira Ungewitter selbstverständlich schien. Für den religiösen Raum war die Mutter zuständig: eine Baptistin, aber "aus der Generation der 68er, mit einer weltoffenen Ausrichtung", wie Mira Ungewitter sagt. Der Vater hingegen: Agnostiker. "Meine Eltern haben einen guten Job gemacht", sagt sie, "sie haben mir die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, ob ich in die Kirche gehe oder sonntags liegen bleibe."