Am Rand der großen, großen Stadt steht ein altes Haus. Und in dem Haus, da wohnt... nein, nicht Pippi Langstrumpf. Aber die alte Holzvilla mit den blauen Fensterrahmen und dem goldenen Türmchen würde ihr sicher gefallen. Und sogar kunterbunt ist die Villa – im Innern. Denn hier, im Westen von Oslo, der Hauptstadt Norwegens, ist das Barnekunstmuseet zu Hause, das weltweit einzige Museum für Kunstwerke von Kindern. Und die wichtigste Regel des Hauses ist eine, die auch Pippi Langstrumpf hätte erfinden können. Sie lautet: Kein Erwachsener darf hier seine Arbeiten zeigen. Alle Kunstwerke, die man im Museum sieht, haben Kinder erschaffen.

"Wow, das hat ein Zehnjähriger gemalt?", und: "Guck mal, was für ein irres Bild!" Wer durch das Museum schlendert, hört viele solcher Ausrufe. Besonders die Erwachsenen sind überrascht, manche fast schockiert darüber, was Kinder zustande bringen. Die Jungen und Mädchen, die das Museum besuchen, schauen ganz genau auf die kleinen Plaketten neben den Bildern. Darauf steht, wie alt der Künstler ist und woher er oder sie kommt.

Kinder aus mehr als 180 Ländern haben ihre Kunstwerke dem Museum überlassen, insgesamt besitzt es zwischen 150.000 und 200.000. Vermutlich – ganz genau gezählt hat all die Bilder, Collagen und Skulpturen bisher niemand. Sammlung nennt man die Gesamtheit der Kunstwerke, die ein Museum besitzt.

Das Museumsteam in Oslo bemüht sich, so viel Kinderkunst wie möglich zu zeigen: Jede freie Fläche ist behängt. Auf drei Etagen, im Keller, im Erdgeschoss und im ersten Stock, sind die Räume so voller Kunst, dass man sich richtig konzentrieren muss, damit all die Farben und Motive einem nicht vor den Augen verschwimmen. Selbst die enge Stiege vom Keller hoch in die Halle ist mit Bildern geschmückt. Einige hängen in dicken goldenen Schnörkelrahmen, andere sind auf Pappe gemalt und einfach mit einem Nagel an die Wand geschlagen. Manche bilden Gruppen zu bestimmten Themen: Familie, Freunde, Fabelwesen. Dann wieder gibt es Ecken, in denen alle Werke aus einem Kindergarten in Norwegen kommen, an einer anderen Wand sieht man Malereien vom riesigen Amazonas-Fluss, die Kinder in einer Kunstschule in Peru gefertigt haben.

Alle Bilder des Museums kann man trotzdem nicht auf einmal zeigen, dafür bräuchte die Villa viele, viele weitere Wände. Weil es die nicht gibt, muss die Direktorin des Museums, Angela Goldin, sich einmal im Jahr richtig quälen. Dann ist großes Umhängen in der Villa angesagt. Die Bilder von den Wänden kommen ins Lager, und eine neue Auswahl ist an der Reihe und findet einen Platz in der Ausstellung. "Dieses ewige Auswählen ist wirklich wie ein dauernder Schmerz", sagt Angela Goldin. "Es gibt immer viel mehr Bilder, die wir gern zeigen möchten, als wir Platz haben." Immerhin stehen überall im Haus zusätzlich kleine Bildschirme, auf denen man in Slideshows weitere Werke sehen kann.

So eindrucksvoll all das ist, können Kinder denn wirklich schon Künstler sein? "Klar!", sagt Stine, 8 Jahre. Sie schaut sich mit ihren beiden Schwestern und den Großeltern schon zum zweiten Mal das Museum an. Wenn sie an den Bildern vorbeischlendert, denkt Stine: "Kunst – das sollte ich auch mal versuchen!"

Wenn sie möchte, kann Stine direkt im Museum loslegen. In der Werkstatt im Keller gibt es Papiere und Pappen, Stifte, Farben und Pinsel, Kleber, Bänder, Locher und Glitzerfolien – jeder nimmt sich, was er mag, und kann an einem großen Tisch malen, kleben und schneiden. Hier sitzt Ewtan, 9 Jahre, und zeichnet gerade konzentriert einen Regenbogen. Dass er im Museum selbst etwas machen kann, gefällt ihm am besten. Bist du denn auch ein Künstler, Ewtan? "Öh, ja", sagt er. Und dann: "Kann ich jetzt mal endlich das Grün haben!"

Nicht so viel rumquatschen! Was muss man da immer groß erklären? So reagieren viele Kinder, wenn man mit ihnen über die Kunst sprechen will. "Sie verstehen die Bilder oft viel schneller als die Erwachsenen", sagt die Direktorin Angela Goldin. Sie beobachtet häufig, dass ein Besuch in der Kunstvilla verändert, wie Eltern und Kinder miteinander umgehen. In anderen Museen und auch sonst im Leben wissen ja eigentlich immer die Erwachsenen Bescheid und erklären den Kindern die Welt. Hier ist es umgekehrt. "Das macht die Kinder stark und selbstbewusst", sagt die Direktorin.

Es ist beeindruckend, wenn man sieht, wie schon manche Dreijährige malen. Doch im Kinderkunstmuseum geht es um mehr als das Bestaunen toller Bilder. Gegründet wurde es von Angela Goldins Eltern vor 31 Jahren. Ihr Stiefvater, ein Filmemacher, fand, dass Kinder ein Recht auf ihre ganz eigene Kultur haben – und deshalb auch ein Museum für ihre Kunst brauchen. Damals reiste die Familie mit Koffern voller Papier und Farben um die Welt, um Kinder malen und zeichnen zu lassen. Zurück flogen sie mit genauso schweren Koffern – nur waren keine Materialien mehr drin, sondern fertige Bilder.

Angela Goldins Eltern leben nicht mehr, das Museum aber gibt es weiterhin – und die Sammlung wächst und wächst. Heute packt Angela Goldin nur noch selten Koffer, sie kann übers Internet in fast jeden Winkel der Welt einen Aufruf zum Malen schicken. Wer will, kann sein Bild ebenfalls digital einsenden. Jedes Kunstwerk, das im Museum ankommt oder das ein Kind in der Werkstatt im Keller zurücklässt, wird aufgehoben und dann Teil der Sammlung.

Aber ist es nicht irgendwann mal genug? Der Platz im Museum ist doch jetzt schon viel zu knapp. "Ich sammle nicht nur für uns, ich sammle auch für die Forschung", erklärt die Direktorin. Wissenschaftler heute oder irgendwann in der Zukunft könnten durch die Bilder etwas darüber herausfinden, wie Kinder die Welt sehen und erleben. "Alle sagen immer, Kinder seien so wichtig und man müsse sie ernst nehmen. Aber kaum jemand fragt sie nach ihrer Meinung und hört ihnen wirklich zu", sagt Angela Goldin. "Durch ihre Kunst erzählen sie eine Menge: wovor sie Angst haben, was sie fühlen und was sie sich wünschen."