Ludwig Ries hat den schönsten Arbeitsplatz Deutschlands. Um in sein Büro zu kommen, muss er erst Bahn, dann Zahnradbahn und dann Seilbahn fahren. Ries arbeitet im Schneefernerhaus direkt unter der Zugspitze, in der höchstgelegenen Forschungsstation des Landes. Tritt er auf die Terrasse der Station, kann er bis weit in den Frühling hinein den Skifahrern unten am Hang beim Wedeln zuschauen. Doch dafür hat Ries keine Zeit.

Ries wirft einen Blick nach oben, auf ein Rohr, das ein wenig unterhalb der Bergspitze in die Luft ragt. "Das ist der Ansaugstutzen", sagt er. Durch den gelangt Luft in Geräte, die überall in der Station verteilt sind, wo sie dann analysiert wird. Oft übernachte er auf der Station, sagt Pries, um die Daten auswerten zu können. Schon seit 20 Jahren macht er das, schickt die Daten an seine Chefs im Umweltbundesamt, an Unis und Forscher in der ganzen Welt. Nie aber war Ries so beunruhigt wie heute. Denn in jüngster Zeit stößt er zunehmend auf Stoffe, die er eigentlich nicht finden sollte – oder wenigstens nicht in so großer Konzentration: Methan, Stickoxide und vor allem Kohlendioxid.

Ries ist keiner, der sich immer gleich Sorgen macht, sondern ein sachlicher Typ. Aber jetzt, sagt er, sei er doch beunruhigt. Weil Deutschland doch eigentlich versprochen habe, das Klima zu schützen. Doch dies, so erzählen es ihm seine Daten jeden Tag, geschehe eben nicht.

Wir ruinieren das Klima? Unmöglich, wir retten doch das Klima! Wer, wenn nicht wir? So sehen sich viele Deutsche. Schließlich wurde in den vergangenen Jahrzehnten alles Mögliche dafür getan, man hat Windkrafträder auf die Felder gestellt und Solarpanels auf die Dächer, Häuser gedämmt, Elektroautos subventioniert, politische Pläne verabschiedet und Gesetze aller Art. Außerdem hat das Land mit Angela Merkel eine Kanzlerin, die auf allerlei Gipfeln immer wieder den Kampf gegen den Klimawandel versprochen hat.

Alles Selbstbetrug. Nichts ist besser geworden. Die CO₂-Emissionen Deutschlands sind weder in den vergangenen sieben Jahren gesunken, noch tun sie es derzeit. Das, was Ries misst, bestätigen alle Statistiker im Umweltbundesamt, all die, die zusammenrechnen, wie viel Kohle, Öl und Gas in Deutschland verbrannt und wie viel Klimagift dadurch freigesetzt wird. Das Land der Energiewende versagt beim Klimaschutz. Sieben Jahre: Nach einer so langen Zeit kann man nicht mehr von einem Ausrutscher sprechen. Da muss etwas grundsätzlich schiefgelaufen sein. Nur was?

Immer mehr Klimagase

In der Luft befindet sich immer mehr CO2. (Angaben Kohlenstoffdioxid in PPMV*)

Quelle: Quelle: Umweltbundesamt (Schauinsland, Zugspitze), NOAA Global Monitoring Division and Scripts Institution of Oceanography (Mauna Loa), WMO World Meteorological Organization, WDCGG (World Trend) Grafik 2: UBA Emissionssituation (Stand: März 2017) © ZEIT-Grafik

"Wir erleben das Energiewendeparadox", sagt Patrick Graichen. Der Mann leitet die "Agora Energiewende" in Berlin, die wohl einflussreichste Denkfabrik auf diesem Gebiet. Graichen erklärt das Problem so: Deutschland sei zwar aus der Atomkraft ausgestiegen und produziere inzwischen fast ein Drittel seines Stroms durch Wind, Wasser und Sonne. Kohle werde jedoch weiterhin abgebaggert und verfeuert. Immer noch, sagt Graichen, stünden in Deutschland vier der fünf dreckigsten Kohlekraftwerke Europas. Und in denen wird insbesondere billige Braunkohle verbrannt, was wiederum besonders schlecht fürs Klima ist.

"Es ginge auch anders", sagt Graichen, "schauen Sie nach Großbritannien." Dort sinke der CO₂-Ausstoß seit Jahren kontinuierlich. Allerdings, gibt Graichen zu, habe auch dies einen Haken. Die Briten schalten zwar ihre Kohlekraftwerke ab, lassen dafür aber weiter Atomkraftwerke laufen. Ein Modell für die Bundesregierung wäre dies also nicht. Wenn man gleichzeitig das Klima schützen und keinen Atommüll mehr produzieren will, müsste man aus der Kohle und zugleich aus der Atomkraft aussteigen.

Geht das überhaupt? Graichen sagt Ja. Schließlich ließen sich viele der dreckigen Kohlekraftwerke direkt durch sauberere Gaskraftwerke ersetzen. Die stünden unbenutzt herum, weil die Kohle einfach zu billig sei. Eine CO₂-Steuer würde dies ändern. Graichen kann das, was er in knappen Sätzen sagt, auch mit langen Studien belegen. Er hat berechnet, wie der Kohleausstieg funktionieren könnte, ohne dass das Industrieland Deutschland darunter leiden müsste. Er hat in den vergangenen Jahren deswegen auch gehofft, dass die große Koalition die Kraft für diesen Vorstoß haben würde. Immerhin hatte sie ja versprochen, den Ausstoß von Klimagasen zu verringern. Doch "wahrscheinlich hat für den Einstieg in den Ausstieg aus der Kohle die politische Kraft gefehlt".

Für den Ausstieg aus der Kernenergie hatte nach Fukushima diese Kraft ausgereicht, doch im Fall der Kohle ist die Lage schwieriger: Über einen kompletten Ausstieg aus der Kohle wird öffentlich erst seit zwei oder drei Jahren diskutiert. Erst seit Kurzem demonstrieren Umweltschützer vor Kohlengruben, erst allmählich wird bekannt, dass Deutschland ein dickes Kohleproblem hat.

Zwar arbeiten heute nur noch etwa 20.000 Menschen in den Braunkohlerevieren, aber das Thema kann Landtagswahlen entscheiden. "Das fossile Imperium" nennt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, dieses Interessengeflecht, das immer noch als Lobby wirksam ist. Als der Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake vor zwei Jahren durch eine Kohleabgabe wenigstens die dreckigsten Kraftwerke aus dem Markt drängen wollte, scheiterte er an der nordrhein-westfälischen SPD und der CDU, den Gewerkschaften – und dem Kanzleramt. Und gegenwärtig tritt die Bundesregierung in der EU dafür ein, dass in Brüssel keine strengen Emissions-Grenzwerte für Kraftwerke verabschiedet werden.