Liebe Andrea,

erinnerst Du Dich, als wir uns an diesem verregneten Hamburger Herbsttag trafen? Du warst gerade aus dem Irak zurück und ich aus der Ostukraine. Du hattest Massengräber gesehen, mich hatte eine Recherche durch zerbombte Dörfer geführt. Wir saßen in einem hellen Restaurant und redeten und kamen uns in der deutschen Ordentlichkeit und der hanseatischen Kühle ziemlich fremd vor. Irgendwann erzähltest Du mir dann von Frauen, die im irakischen Flüchtlingslager Stunden mit Make-up und Maniküre verbrachten. Und ich sah sofort die Georgierinnen vor mir, die durch den Krieg fast alles verloren hatten und sich trotzdem mit Hingabe die Haare machten.

Wir beide sind in Weltregionen unterwegs, bei denen man nicht zuerst an Schönheit denkt. Wir waren ziemlich erstaunt, dass wir diese Beobachtung teilen: dass Menschen selbst in größter Not nicht auf Schönheit verzichten können. Dass sie ihrer sogar bedürfen.

Du lebst in Beirut und bereist von dort aus eine Welt, in der es kaum eine Hoffnung auf Frieden gibt. Ich lebe in Moskau, berichte über den Krieg in der Ukraine und eine Gesellschaft, in der man zum Tag des Vaterlandsverteidigers Handgranaten aus Marzipan serviert. Schönheit? Aber ja! Überall Theater und Kunst, und die russischen Frauen sind auffallend schön, zumindest solange sie ihre Körper nicht mit Botox, Silikon und blondem Kunsthaar verunstalten. Ich nenne das oligarchisierte Schönheit, sie dient dazu, die Potenz des Mannes zu beweisen.

Aber auf meinen Reisen entdecke ich wie Du auch, wie Menschen nach echter, unverstellter Schönheit suchen. Oder will ich das nur glauben, weil der Alltag aus Krisen sonst kaum auszuhalten wäre?

Herzlicher Gruß aus Moskau,

Deine Alice

Liebe Alice,

auch hier in Beirut boomt die Schönheitsindustrie, auch hier werden Nasen verkleinert, Brüste vergrößert, wird aufgepumpt und abgesaugt. Ebenso wenig wie Du glaube ich, dass diese Lust der Reichen, für viel Geld ihre Körper zu verformen, irgendetwas mit Schönheit zu tun hat. Was ich auf meinen Reisen lerne zu sehen, ist das Bedürfnis, die eigene Würde zu beweisen, wenn man buchstäblich im Dreck sitzt. Und da kann ein wenig Make-up oder ein schickes Jackett eine große Rolle spielen.

Du weißt ja, dass mein Gesicht zu jeder Zeit garantiert ungeschminkt ist, die Haare sind kurz und die Absätze meiner Schuhe einen Daumen breit. Bin ich in Krisengebieten unterwegs, trage ich Cargohosen, Boots und Khakihemd. Mir war lange nicht klar, dass die Menschen, über die ich schreibe, diesen Dresscode als, nun ja, unangemessen empfinden könnten.

Der Erste, der mir demonstriert hat, dass Eleganz mitten im Elend existieren kann, war ein Mann. Ich befand mich auf einer Recherche über Diamantenminen im Kongo in einer erbärmlichen und bitterarmen Stadt namens Mbuji-Mayi, als ich ihn traf. Zwischen Wellblechhütten, faulenden Müllbergen und stinkenden Abwasserkanälen spazierte er in blank polierten Budapester Schuhen, Nadelstreifenanzug mit Stecktuch und Borsalino herum: Blaise Bienvenue Mubake – an seinen Namen kann ich mich gut erinnern.

Womit Monsieur Mubake sein Geld verdiente, wollte er mir nicht sagen. Besonders reich war er jedenfalls nicht, sonst hätte er sich nicht jeden Morgen in eines der überfüllten, klapprigen Sammeltaxis gequetscht. Monsieur Mubake fand mein Outfit, das recht robust und zudem verdreckt war, "unzivilisiert" und hielt mir einen Vortrag über die Bedeutung von Schönheit in schlechten Zeiten.

"Madame, man darf sich nie gehen lassen", sagte er. "Sich kleiden ist eine Kunst, und ein Künstler verdient Respekt."

Inzwischen weiß ich, dass Mubake keine Fata Morgana, sondern ein "Sapeur" war: ein Mitglied der Societé des Ambianceurs et des Personnes Elégantes, der "Gesellschaft der Unterhalter und eleganten Personen". Die Sapeurs gibt es im Kongo seit bald 50 Jahren.

Sie leisten sich, nicht selten auf Kosten ihrer Frauen und Kinder, teure, ausgefallene Kleidung – stilistisch zwischen Oscar Wilde, Elton John und Jay Z – und tragen sie wie eine Rüstung gegen das Elend, in dem sie leben.

Ich habe Dir doch von diesem Flüchtlingslager im Irak erzählt, in dem sich die Frauen in einem Beautysalon schminken ließen. Ein 14 Quadratmeter großer Schuppen, der den wunderbaren Namen "Königreich der Braut" trug. Eine Kosmetikerin, die aus Syrien vertrieben worden war, hatte den Salon eröffnet. Ich fragte sie sehr vorsichtig und höflich, ob die Menschen nach ihrer Flucht vor Assad oder dem IS nicht Wichtigeres bräuchten als Lippenstift und Wimperntusche. Sie hat mich völlig verständnislos angesehen. "Gibt es etwas Wichtigeres als Schönheit?"

Liebe Grüße aus Beirut,

Andrea