Selbst seinen Historikerkollegen muss Peter Moser immer wieder erklären, wie die Landwirtschaft eigentlich funktioniert. Dass eine Kuh erst ein Kalb gebären muss, um überhaupt Milch zu geben, dass die Bauern an die Scholle gebunden seien, auf der sie arbeiteten, dass die Jahreszeiten das Leben auf dem Hof bestimmten. "Ich habe es manchmal satt", sagte Moser vor einigen Jahren der ZEIT. Satt, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, dass er sich seit seinem Studium Anfang der achtziger Jahre mit den Bauern und ihrer Geschichte beschäftigt. Satt, dass sich alle neueren sozialwissenschaftlichen Theorien am Städtischen orientieren und nicht am Ländlichen. Vor allem aber hat es Peter Moser satt, dass sich sein Archiv für Agrargeschichte (AfA) weiterhin privat finanzieren soll. Ohne Geld vom Staat.

Es ist reichlich absurd. Ein echter Schweizer ist ein Bauer, und der Bauer ist ein echter Schweizer. Auf diesen Mythos beruft sich das Land nach wie vor gern. Die ehemalige Bauern- und Bürger-Partei ist heute – als SVP – die stärkste politische Kraft. Im Parlament kommt niemand gegen die Bauernlobby an, weshalb die Landwirtschaft Jahr für Jahr mit Unsummen subventioniert wird; 2016 waren es 3,5 Milliarden Franken.

Aber mit der Geschichte ihrer Bauern tut sich die Schweiz unglaublich schwer.

So auch, als es im vergangenen Jahr darum ging, die Beiträge an "Forschungseinrichtungen von nationaler Bedeutung" neu zu verteilen. Das Forschungs- und Innovationsförderungsgesetz erlaubt es dem Bund, private Institutionen mit insgesamt 422 Millionen Franken zu unterstützen. 760.00 Franken davon wollte das Archiv für Agrargeschichte, also 0,2 Prozent – aber es ging leer aus.

Es geht um wenig Geld und viel Wissen. Wissen, das nun verloren zu gehen droht.

Dabei hatte der Schweizerische Wissenschafts- und Innovationsrat, dem die wissenschaftliche Prüfung aller Gesuche obliegt, eine Förderung empfohlen. Das Agrararchiv bewege sich "auf der Höhe des wissenschaftlichen Diskurses", schrieben die Gutachter. Mehr noch: Das Archiv sei ein "unverzichtbares Bindeglied zwischen den Aktenbildnern und den staatlichen Archiven auf allen föderalen Ebenen". Also zwischen jenen Institutionen und Akteuren, welche die Quellen zur bäuerlichen Vergangenheit in ihren Kellern und Lagern horten, und jenen, die dieses Material zutage fördern und bewirtschaften können. Ja, das Miniteam um Peter Moser erfülle Aufgaben, die "in der Schweiz von keinem anderen Institut wahrgenommen würden".

Genützt hat all das nichts. Auch nicht, dass mit Johann Schneider-Ammann der Forschungsminister gleichzeitig der Agrarminister ist. Das Staats-sekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) nahm das Archiv nicht auf seine Förderliste, und die Bauernlobby im Parlament, die sonst keine Gelegenheit auslässt, um den Bauernstand zu verteidigen, sie blieb stumm, als sie das Geschäft verabschiedete.

Geht es um die Landwirtschaft, fließt nur Geld, wenn es um Handfestes geht – um Vieh, um Milch um Ackerbau. Für das geistige Landleben gibt es kein Budget.

Die Förderung sei "konform zur Prioritätenordnung" erfolgt, erklärte das SBFI gegenüber dem Schweizer Radio SRF, das vergangene Woche über den Fall berichtete. Er liegt nun beim Bundesverwaltungsgericht. Die Richter sollen entscheiden, ob sich aus den erfüllten formalen Anforderungen und dem positiven Gutachten ein Recht auf Unterstützung ableiten lässt.

Klar ist, der Bund will Institutionen stärken, die eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Er setzt auf Informatik, Medizin oder Biotechnologie, statt auf Geistes- und Sozialwissenschaften. Er spricht also lieber 16 Millionen Franken für ein Zentrum für muskuloskelettale Forschung und Entwicklung am Balgrist-Spital in Zürich oder 25 Millionen für ein Technologiekompetenzzentrum für translationale Medizin und Unternehmertum am Insel-Spital Bern oder 2,9 Millionen Franken für ein Biotechnologie-Institut im Thurgau – anstatt ein paar Hunderttausend für ein Archiv mit gerade mal 2,5 Stellen.

Allein, das erklärt nicht alles. Andere Humanities-Institute erhielten durchaus Geld aus Bern. So das Sozialarchiv oder das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft in Zürich oder die Stiftung Schweizerische Theatersammlung in Bern. Sie haben eine starke Lobby, in der Politik wie in der Kulturszene. Dem historischen Bauerngedächtnis hingegen, das seinen Sitz in einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus in Bern hat, ihm fehlen die öffentlichen Fürsprecher. Für die Rechten ist kritische Geistes- und Sozialwissenschaft eher ärgerlich als förderungswürdig. Und den Linken ist alles suspekt, was mit Bauern zu tun hat, das Ländliche steht für sie unter einem kollektiven SVP-Verdacht. Nur für die ländlichen Skandale aus der Vergangenheit können sie sich begeistern, wie das Schicksal der Verdingkinder. Aber das ist längst nicht die ganze Geschichte.

So geht es dem Einzelkämpfer Peter Moser wie damals, als er davon hörte, dass die wichtigsten Wirtschaftshistoriker des Landes an einem neuen Standardwerk arbeiteten. Er glaubte es selbst kaum: "Am Anfang wurde der Agrarsektor schlicht vergessen."