Die bekannten Geschichten aus dem Silicon Valley sind Erfolgsgeschichten. Sie handeln von Menschen, die eine Idee haben, mit der sie die Welt beglücken und die ihnen unermesslichen Reichtum beschert. Aber die Historie des Silicon Valley ist zugleich voll von Pionieren, die Außerordentliches geleistet haben und weder reich geworden sind noch berühmt. Lee Felsenstein ist einer von ihnen.

Der 71-Jährige gehört zu den Vätern des Personal Computers, er hat den ersten tragbaren – oder sagen wir: schleppbaren – PC entwickelt. In den Kämpfen der studentenbewegten Zeit an der University of California in Berkeley entwickelte Felsenstein das erste soziale Computermedium, vor dem Internet, lange vor Facebook und Twitter. Eigentlich war er stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber es kam immer irgendetwas dazwischen. Ein Dokumentarfilm von Jan Tenhaven setzt nun Figuren wie Felsenstein ein liebevolles Denkmal – Menschen, die mehr der alternativen Szene der Hippies und Beatniks verbunden waren als der Wall Street.

Lee Felsenstein kam 1963 von der Ostküste nach Berkeley, um Ingenieur zu werden. Für den jungen Mann hieß das, sich vorzubereiten auf eine Rolle als ein Zahnrädchen im Getriebe des militärisch-industriellen Komplexes, zu verschwinden in einer großen Maschine, von der die Öffentlichkeit nur die beeindruckenden Resultate zur Kenntnis nahm: das Mondprojekt, Kernkraftwerke, Überschallflugzeuge.

An Berkeley faszinierte ihn etwas anderes: die aufkeimende revolutionäre Stimmung der Studenten, die sich für freie Rede auf dem Campus und gegen den Vietnamkrieg einsetzten. Da war Lee Felsenstein sozusagen erblich vorbelastet, seine Eltern waren Mitglieder der Kommunistischen Partei. Er wurde zum Aktivisten – allerdings sah er seine Rolle nicht als Reden schwingender Rädelsführer, sondern als demutsvoller Diener der großen Sache. In einem Essay erinnert er sich: " ›Ich bin Techniker‹, sagte ich, ›ihr könnt über Politik diskutieren, ich setze eure Entscheidungen um.‹ "

Ein prägendes Erlebnis für ihn: Er saß an einem Abend im "Pressebüro" der Revolutionäre in Berkeley, als ein paar Aktivisten hereingestürmt kamen. "Der Campus ist von der Polizei umstellt – schnell, mach uns ein Radio für den Polizeifunk!" Felsenstein versuchte zu erklären, dass die Polizei schon lange nicht mehr auf einer Frequenz funkte, die normale Radios empfangen können, und dass er Zeit bräuchte. Aber das wollten die anderen nicht hören – sie wollten ihr Funkgerät. "Diese Dummheit nahm mir den Atem", erinnert sich Felsenstein. Die Intellektuellen, zu denen er aufblickte, waren technischen Argumenten nicht zugänglich. Der 19-Jährige sah ein, dass er seine Rolle als Befehlsempfänger aufgeben musste. Das nächste Mal würde er sagen: "Das kannst du nicht haben. Aber schau mal, hier ist etwas, das ich entwickelt habe ..."

Lee Felsenstein grübelte vor allem über die Infrastruktur der revolutionären Bewegung. Es faszinierte ihn, dass man über Nacht eine dicke Broschüre in tausendfacher Auflage produzieren konnte, indem viele einzelne Helfer mit primitiven Matrizendruckern Teile davon vervielfältigten. Vernetzung und Kommunikation waren die Stichworte. Computer waren damals große Zentralrechner, die entweder mit Lochkarten programmiert wurden oder über spezielle Endgeräte, sogenannte Terminals. Tatsächlich gelang es den Studenten 1973, einen solchen Computer aufzutreiben und in einem Büro in San Francisco zum Laufen zu bringen. Idealerweise hätte man nun jeder Aktivistenzelle ein Terminal gegeben, aber die waren unerschwinglich. Die Lösung: Man stellte in einem Plattenladen in Berkeley, Leopold’s Records, ein öffentliches Terminal auf, das über eine Telefonleitung mit dem Rechner verbunden war. "Community Memory", das erste elektronische soziale Medium, war geboren. Jeder konnte sich an die Tastatur setzen, sich ein Pseudonym ausdenken und losschreiben. "Ich rechnete damit, dass die Leute fragen würden: Ein Computer? Was soll ich damit?", erzählt Felsenstein. Stattdessen drängelten sich die Menschen um das Gerät, jeder wollte es ausprobieren.