Anders als es der Name vermuten lässt, war Community Memory kein System, in das man längere Texte eingab, um sie der Nachwelt zu erhalten. Dafür reichte der Speicher nicht aus. Man muss es sich ähnlich wie ein Kleinanzeigen-Portal vorstellen: Jemand bot in einem Beitrag seine Dienste oder Fähigkeiten an, gab ein paar Stichworte dazu ein und speicherte den Text. Andere konnten nach diesen Stichworten suchen. Eine Menschenverbindungsmaschine also. Wie viele Nutzer sie hatte und wie viele Verbindungen sie gestiftet hat, ist nicht bekannt – die Speichermedien sind nicht mehr lesbar, es gibt nur ein paar Stapel mit Ausdrucken.

Welche Faszination solch ein einfaches System damals auslöste, kann man heute kaum noch nachvollziehen. So erfand ebenfalls 1973 ein gewisser Don Lancaster den Bausatz für den sogenannten TV Typewriter – eine Tastatur, die man an einen Fernseher anschloss und mit deren Hilfe man Buchstaben auf den Bildschirm zaubern konnte, 16 Zeilen mit je 32 Zeichen. Damit konnte man zwar nichts anfangen, die Schrift war weg, sobald man das Gerät ausschaltete. Aber allein die Tatsache, dass man plötzlich selbst das Fernsehbild kontrollieren konnte, das sonst von mächtigen Organisationen ausgestrahlt wurde, war eine Form von Selbstermächtigung.

Es gab aber auch Bastler, die mehr wollten. Die schon Erfahrungen mit "richtigen" Computern gesammelt hatten und davon träumten, so ein Gerät zu Hause zu haben. 1975 kam der Altair 8800 auf den Markt, ein Elektronikkasten ohne Tastatur und Bildschirm, der heute als der erste Personal Computer gilt. In einer Garage in Menlo Park im Silicon Valley versammelte sich an einem regnerischen Märztag jenes Jahres ein Häuflein von 30 Bastlern um dieses Gerät und diskutierte, was man damit anfangen könnte. Es war die Geburtsstunde des Homebrew Computer Club. Zu den Mitgliedern zählte unter anderem Steve Wozniak, einer der beiden Apple-Gründer. "Ich schlug vor, dass wir reihum sagen, was wir machen und warum man hier ist", erzählt Lee Felsenstein. Der Vernetzer wurde zum Moderator des Vereins. An einem Abend fiel ihm auf, dass Wozniak einen Gast mitgebracht hatte, der nicht viel sagte, aber offenbar versuchte, möglichst viel von den Zwiegesprächen der anderen aufzuschnappen. Das war natürlich niemand anderes als Steve Jobs.

Wäre Felsenstein mit Wozniak und Jobs ins Geschäft gekommen, hätte seine Karriere wohl einen anderen Verlauf genommen. Stattdessen entwickelte er zunächst Grafikprozessoren für die Firma Processor Technology. Als die Konkurs anmeldete, ließ er sich mit einem anderen charismatischen Visionär und Homebrew-Clubmitglied ein, Adam Osborne. Für ihn entwickelte er den ersten tragbaren Computer, ein Zwölf-Kilo-Ungetüm namens Osborne 1, das tatsächlich ein kommerzieller Erfolg war. Die Firma stieß sich selbst in die Pleite, als sie zu früh ein Nachfolgemodell ankündigte und damit ihren Lagerbestand praktisch wertlos machte.

Felsenstein hatte seine Aktienoptionen rechtzeitig abgestoßen, das Geld steckte er vor allem in die Weiterentwicklung von Community Memory. Aber das System war schon bald überholt, das aufkommende Internet ersetzte die selbst gebastelte Infrastruktur, und überall schossen elektronische Bulletin Boards aus dem Boden.

Lee Felsenstein hat sich noch ein paarmal bei Computerfirmen anstellen lassen, das Muster war immer dasselbe: Er leistete als Entwickler gute Arbeit, das Management fuhr die Karre in den Dreck. "Ich hatte nie viel Glück dabei, anderer Leute Anweisungen auszuführen", sagt er.

Wenn Lee Felsenstein auf sein Leben zurückblickt, fällt oft der Satz: "Was wäre gewesen, wenn ...?" Was, wenn der jugendliche Radiobastler einen Mentor gefunden hätte? Was, wenn er die Kriterien für ein Stipendium in Berkeley nicht um 0,07 Notenpunkte verpasst hätte? Was, wenn Adam Osborne nicht sein eigenes Geschäft untergraben hätte? Vielleicht stünde der Name Lee Felsenstein dann heute in einer Reihe mit denen von Bill Gates und Steve Jobs. Verbitterung ist ihm trotzdem nicht anzumerken. Im Moment arbeitet er an zwei Projekten: Er möchte einen Elektronik-Baukasten auf den Markt bringen, mit dem Kinder das Programmieren auf der Ebene von Computerchips lernen können. Und er will mit anderen alternden Silicon-Valley-Veteranen, die nicht mehr für feste Stellen vermittelbar sind, eine Beratungsfirma gründen, die das Wissen seiner Generation nutzbar macht. Arbeitstitel: "Die Liga der außerordentlichen Ingenieure".

"Die Silicon Valley-Revolution", am 18. April, 23 Uhr, auf Arte; am 26. Juni um 22.45 Uhr in der ARD

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