Ein Hänfling. Er saß in der Bahn gegenüber. Krasser Undercut. Mittig etwas Wolle, dazu Kurzbart. Er lacht zu mir rüber, was mich verunsicherte. Lippenstift verrutscht oder was, aber er deutete auf die Rückseite meiner Zeitung, und so kam es, dass wir in ein Gespräch gerieten über das dort abgebildete Panorama-Familienfoto aus Downton Abbey. Der Hänfling, zeigte sich, war ein Spezialist für die Serie. Genealogie des Clans, jede Wendung der Story, kleinste amouröse Verflechtungen, historische Schlüsselszenen et cetera. Hallo? So jung und schon für Maggie Smith?

Ich stellte gerade die These auf, wie schön es ist, dass junge Männer heute so generationsübergreifend freundlich sind und genderüberspielend Serien gucken wie die Mädels und dass dies vielleicht das Ende vieler Kämpfe ist, da fiel mir ein anderer Mann ein, der auf der Bottega-Veneta-Reklame. Typ wie oben, nur stylisher, zu Undercut trug er blonde Strähnchen und einen rosenholzfarbenen Leinenanzug sowie Nagellack in der Farbe Perlmutt, der sich hübsch von der geflochtenen Aktentasche abhob.

Ich stellte gerade die These auf, wie schön es doch sei, dass junge Männer sich heute an ein generations- und genderübergreifendes Kolorit wagen, dann fiel mir auf, dass dieser hier nicht gut drauf zu sein schien. Er hatte was Bedröppeltes. Da war etwas Depressives, im Übrigen nicht versteckt, sondern geradezu ausgestellt. Was war los? Hatte er bemerkt, dass die neue Birkenstock-Kollektion das Modell Arizona für Frauen auch in der Farbe Rosenholz anbietet?

Ich dachte mit Schrecken daran, wie es auf diesen so einfühlsamen jungen Mann wirken könnte, wenn eine Sonntagszeitung auf einer ganzen Seite verbreitet, dass die Gattung Mann etwa so störanfällig ist wie ein AKW 20 Jahre nach Ablauf der Restlaufzeit. Als Kind schon anfällig, später auffällig bis aufsässig, dann mieses Abi und alle möglichen Ismen von Narzissmus, Alkoholismus, Karrierismus bis zum Suizid. Weil Männer nicht genug beachtet werden. Dann durchdrehen. Eine taschenspielerische Verschränkung von Schuld- und Opferdiskurs.

Ein Magazin brachte neulich mehrere Doppelseiten zum Thema alte Männer. Wählen Trump, weil sie traurig sind. Oooooh. Auf den Bestsellerlisten tauchen Titel auf, die "toxische Männlichkeit" thematisieren, weil Männer so oft einen Herzinfarkt haben. Neulich traf ich einen Typen, stylish bis hin zu dieser weich gerundeten Theresa-May-Laptoptasche, der wollte mir weismachen, sogar im Pop seien Männer heute Verlierer. Ich sagte, aber Bowie, und er sagte, aber Adele. Ich sagte, Jackson und Prince, er sagte, sind doch tot, und ich dachte, was hier eigentlich los ist.

Der Opferdiskurs war ja ein geschütztes Feminismus-Privileg. Das jedenfalls ist vorbei. Waren gerade noch Frauen die beredten Opfer von Männern, klagen jetzt Männer darüber, dass sie die Opfer sind, von Männlichkeit. Und deshalb auch an allem Schuld haben. Bankenkrach: junge Männer. Globalisierung: alles Männer. Terroristen: sowieso Männer.

Mir kommt das ein wenig größenwahnsinnig vor. Wahr ist doch: Auch Frauen haben bei der Globalisierung verloren. Und Trump gewählt. Und keineswegs sind Männer auf dem Rückzug. Heute stehen 43 Frauen an der Spitze unserer Dax-, MDax-, SDax- und TecDax-Unternehmen – gegenüber 627 Männern. Und dass männliche Föten sich schwerer einnisten und männliche Autofahrer oft zu schnell fahren – jemand, der das nicht wusste? Neu ist nur, dass dieser Diskurs jetzt so modisch ist wie die Theresa-May-Laptoptasche. Es ist ein Trend und morgen vermutlich vorbei. Cheer up, Ragazzo!

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