Markus Capirone nimmt sich einen Stuhl, setzt sich und legt seine riesigen Unterarme auf den langen Sitzungstisch. Mit den Fingern zupft er am gezöpfelten Ende seines schlohweißen, wilden Barts – und er erzählt, wie er hier, in diesem unscheinbaren Büro am Stadtrand von Olten, das jüngste Stück der Schweizer Verkehrsgeschichte geschrieben hat.

Wenn an Ostern wieder Tausende auf ihren Velos durchs Land unterwegs sind, suchen sie die schönsten Routen auf der Schweiz-Mobil-App, die Capirone und sein Team entwickelt haben. Und wenn sie in den Frühlingsferien gemütlich den Rhein entlangfahren oder vom Nordkap nach Rom pedalen, folgen sie Wegweisern, die Capirone entworfen hat.

Zehn Personen arbeiten im Velobüro Olten. Die meisten von ihnen sind Mitinhaber. Einen Chef? Gibt es nicht. "Bhüet-mi, nei!", zetert Capirone. Hierarchien? "Meine Güte! Wir streiten, aber immer nur um die Sache." Bürozeiten? "Um Himmels willen, jeder arbeitet, wann es ihm passt. Nachts, am Wochenende. Und wenn nötig, sind wir sowieso alle hier."

Auch wenn das Büro egalitär funktioniert, so ist doch unübersehbar, wer der Kopf der Truppe ist: Markus Capirone. Der 62-Jährige serviert Kaffee und Schokolade. Ohne jede Hast, als ob ihm die entschleunigende Wirkung des Velofahrens in Fleisch und Blut übergegangen wäre.

In den 1980er Jahren war sein Antrieb ein ganz anderer: Ärger. Ärger über ein Velokonzept, in dem sich ein Planungsbüro aus dem fernen Zürich ein Radwegnetz für die Region Olten/Gösgen/Gäu erdacht hatte. "Absoluter Schrott", befanden er und sein Freund Thomas Ledergerber, als der "Chnorz" in der Lokalpresse vorgestellt wurde. "Wir taten, was wir Schweizer tun, wenn wir uns ärgern: Wir schrieben einen deftigen Leserbrief." Die Antwort aus Zürich kam postwendend: Es war eine Einladung, den Planern die eigene Sicht der Dinge darzulegen. Und offenbar überzeugten der rabauzige Capirone, der als freier Künstler lebte und schon damals in Pluderhosen und zweifarbigen Kniestrümpfen aufkreuzte, und der Fotograf Ledergerber, der kurz davor die IG Velo in Olten gegründet hatte. Sie wurden zwar nicht als Berater angestellt, aber eingeladen, das Konzept zu überarbeiten. Mit Erfolg. Solothurn erklärte 1987, als einer der ersten Kantone, einen Velorichtplan für behördenverbindlich. Die juristische Grundlage für ein Radwegnetz war gelegt. Doch vorerst geschah – nichts.

Aufgewachsen ist Capirone unweit von seinem heutigen Arbeitsplatz. Wohnen tut er zusammen mit seiner Frau in einer alten Mühle, nur eine Viertelstunde mit dem Velo entfernt. Das Velobüro bescherte ihm zwar Aufträge bis nach Südkorea und Kanada, privat aber blieb er gerne hier am Südfuß des Jura: "Ich schmore gerne im eigenen Saft." Er war ein "absoluter Schulverweigerer", kein Rebell, "eher schlafend". Erst in Basel, am Vorkurs der Kunstgewerbeschule und dann in der Grafikfachklasse, entdeckte er den Sinn fürs Lernen. "Irgendwann kam der Punkt, an dem man sich entscheiden musste, was aus einem werden soll", sagt er. Und weil er sich mehr zur Kunst als zur Grafik hingezogen fühlte, sagte er sich: "Wenn die nächste Radierung gut wird, werde ich Maler. Wenn nicht, höre ich auf." Sie wurde gut. Heute hängen und stehen mehr als 200 Radierungen aus dieser Zeit bei ihm zu Hause. Sein damals wichtigstes Motiv waren Landschaften. "Ich bin ein gottsjämmerlicher Romantiker."