Keiner der zahlreichen Schüler Martin Heideggers hat über das Verhältnis zu seinem Lehrer und zu dessen Schriften so umfassend nachgedacht wie Karl Löwith. Von Beginn an zeichnet den 1897 in München geborenen und 1973 in Heidelberg verstorbenen Philosophen dabei eine offene, scharfe Kritik aus – bei gleichzeitiger Wertschätzung der Heideggerschen Denkbewegungen. Früh erkannte er zudem einen Zug an dem Denker, der sich als verhängnisvoll erweist. So heißt es in einem Brief des jungen Doktoranden im Februar 1921 an den neun Jahre älteren Freiburger Privatdozenten Heidegger: "Aber manchmal kommt es mir vor, daß ein noch Husserlisch-infizierter Rest von Scharfsinnigkeit Sie dazu verleitet, an einer Stelle hartnäckig weiter zu bohren, wo Ihr Bohren schon auf Land gestoßen ist und aus dem Bohren ein Sichverrennen werden kann."

Das ist nur eine der vielen Stellen, bei denen man hängen bleibt, wenn man jetzt die erstmals vollständig und kommentiert vorliegende Korrespondenz zwischen Heidegger und Löwith liest. Vor allem für die Zeit von 1919 bis 1928 sind die überlieferten Briefe eine Fundgrube, wenn man die philosophischen und politischen Entwicklungen der Zeit verstehen möchte. In den Briefen stehen sich nicht etwa das vermeintliche Rätselwesen oder das größte Wunder seit Platon und andererseits der gelehrige Schüler gegenüber. Vielmehr wird deutlich, wie stark und überzeugend die Anregungen sind, die Heidegger erhält und die er seinerseits an einen Andersdenkenden geben kann. Löwith, der um 1926 ein bis heute noch nicht veröffentlichtes Psychogramm Heideggers schreibt und zu jener Zeit ausführlich mit Freunden wie Hans-Georg Gadamer, Gerhard Krüger und Leo Strauss über ihn diskutiert, versucht schon sehr früh Einfluss auf den Lehrer zu nehmen, dessen Größe und dessen Defizite er gleichermaßen erkennt.

Das wird öffentlich 1928 deutlich, als Heidegger seinen ersten Habilitanden mit einer Arbeit durchkommen lässt, die man als direkten Angriff auf zentrale Begriffe des ein Jahr zuvor erschienenen Jahrhundertwerks Sein und Zeit verstehen kann: Löwiths Analyse des "Mitmenschen" öffnet hier erst einen Horizont, in dem Heideggers "Dasein" in der "Welt" atmen könnte, wenn es der Seinsphilosoph denn wollen würde. Doch zu dem Zeitpunkt arbeiten sich die beiden Philosophen längst konstruktiv aneinander ab. Löwith ist zwar jüdischer Herkunft, wird aber 1936 in seinem römischen Exil auch deshalb den Kontakt zu Heidegger suchen, weil dieser weiterhin an seiner Seite steht. Allerdings macht Parteigenosse Heidegger aus seiner nationalsozialistischen Gesinnung keinen Hehl.

Löwith löste die erste große Heidegger-Kontroverse aus

Löwith, der auf seiner weiteren Flucht nach Japan kommt, wird im Exil seine Auseinandersetzung mit Heidegger in dem Bericht Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933 weiterführen, um gleich nach Kriegsende in Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes die erste große Heidegger-Kontroverse auszulösen. 1953 legt er mit Denker in dürftiger Zeit nach. In diesem schmalen, wie so vieles von Löwith nach 1945 leicht als "elegant" zu verkennenden Buch leuchtet er Heidegger von innen aus: als einen, der seine eigenen Ansprüche philosophisch nicht einlöste und stattdessen dem eigenen Dogmatismus in die Falle ging. Heidegger grollte danach massiv über die vermeintliche Treulosigkeit des Schülers. Und doch entsteht zwischen ihm und dem aus dem amerikanischen Exil 1952 nach Deutschland zurückgekehrten, nunmehr in Heidelberg lehrenden Löwith erneut eine menschliche Nähe, bei gleichbleibender philosophischer Distanz. Heidegger schreibt einen bewegenden Brief, als er von Löwiths letztlich tödlicher Erkrankung erfährt. Und als dann 1976 Heidegger stirbt, ist es Löwiths Witwe, die tröstende Worte nach Freiburg schreibt.

Diese Ambivalenz, die sich durch die Korrespondenz zieht, macht die Briefe zu einem zentralen Dokument der Heidegger-Forschung. Darüber hinaus jedoch dürfte die politische Dimension viele überraschen. Hier lernen wir in Löwith einen Beobachter seiner Zeit kennen, der früh und klar die entscheidenden Entwicklungen genau im Blick hat. Löwith liefert präzise Stimmungsbilder aus dem nachrevolutionären München, wo die rechte Reaktion den Kopf erhebt, und aus dem faschistischen Italien, das sich im Duce-Taumel suhlt. Im Oktober 1924 dann verbindet Löwith gar München mit Rom und zieht Heidegger in einer kleinen Szene mit ins Geschehen: "Unten auf der Straße brüllt gerade eine Fascisten-Menge, die feiern grad wieder einmal irgendeinen Jahrestag, weil es zur Zeit keine Ermordung zu feiern gibt. Ich muß an München denken, als wir zusammen die Hitler-Garden, borniert-fanatisch, sahen und dann in eine schöne alte katholische Kirche gingen." Antworten Heideggers hierauf fehlen; man hätte sie gerne gelesen. Einen hellsichtigeren Zeitgenossen als Löwith jedenfalls hätte Heidegger nicht finden können.

Als Löwith im April 1927 ein Exemplar von Sein und Zeit erhält, schreibt er an Heidegger: "Ich werde es solid binden lassen, damit es einen ordentlichen Gebrauch aushält – in Schwarz – denn der Tod ist ein theologisches Prinzip der Freiheit." Er ahnte nicht, was er da schrieb – im Unterschied zu Löwith kennen wir heute die solide für den ordentlichen Gebrauch gebundenen Schwarzen Hefte Martin Heideggers.

Martin Heidegger/ Karl Löwith: Briefwechsel 1919–1973. Heidegger-Briefausgabe, Bd. II.2; hrsg. v. Alfred Denker; Verlag Karl Alber, Freiburg 2017; 336 S., 69,– €